Gilbert Gress, wie steht es denn tatsächlich um Ihre Sehschwäche?

Ich musste mir seinerzeit den grauen Star operieren lassen. Das war ein kurzer Eingriff, der mittels Lasertechnik durchgeführt wurde. Heute benötige ich meine Brillen sowohl für das optimale Sehen in die Weite und in die Nähe. Damit bin ich bis jetzt gut gefahren.

Vor einem Jahr haben Sie sich von Ihrer auffälligen Kultbrille, Ihrem damaligen Markenzeichen, verabschiedet. Weshalb?

Ich trug dieses Modell schon seit rund einem Jahrzehnt auf der Nase. Da habe ich mir gesagt: Jetzt ist es allmählich Zeit für eine Veränderung. Gemeinsam mit meiner Frau habe ich mir bei meinem Brillenpartner verschiedene neue Brillenmodelle angesehen und mich dann für zwei schlichte und zwei auffällige Gestelle entschieden. Wie Sie vielleicht wissen, habe ich die endgültige Auswahl den «Blick»-Leserinnen und -Lesern überlassen. Diese sollten entscheiden, welches Modell am besten zu meinem Seitenscheitel passt. Meine Frisur wollte ich nämlich nicht verändern. Diese bleibt so, wie sie ist. Da kann passieren, was will. Mit der alten Brille sollte aber definitiv Schluss sein.

Ist Ihre Sehbehinderung im Alltag für Sie ein Problem?

Nein, dank der optimal angefertigten Brillen habe ich damit keine Probleme.

Wie konnten Sie als Brillenträger überhaupt ein erfolgreicher Fussballspieler werden, der auch international Karriere gemacht hat?

Da hat der Zufall eine glückliche Rolle gespielt. 1960 kam ich in Kontakt mit jemandem, der mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass es in Freiburg in Deutschland einen Spezialisten gibt, der grosse Erfahrung mit sogenannten Kontaktgläsern hat. Das sind keine Linsen, sondern Brillengläser, die das ganze Auge abdecken. Hätte ich nicht Kontakt zu jenem Mann gehabt, der mich auf die Idee mit diesen Kontaktgläsern gebracht hat, wäre meine Karriere sicher anders verlaufen.

Kommen wir also auf den Fussball zu sprechen. In Strasbourg nennt man Sie «Trainer des Jahrtausends», in der Schweiz sind Sie durch Ihre Erfolge als Fussballcoach und Ihre Karriere als Fussball-TV-Experte bekannt. Worauf führen Sie Ihren Erfolg zurück?

Da muss man unterscheiden. Der Erfolg als Aussenstürmer und Mittelfeldspieler ist etwas anderes als der Erfolg als Trainer und Coach. Für beides braucht es unterschiedliche Voraussetzungen. Bei meiner Arbeit als Coach hatte ich bei einer Vertragsunterzeichnung immer zwei Ziele: Ich wollte Spiele gewinnen und die Fans glücklich machen. Am Fernsehen ging es mir in erster Linie darum, die Spiele spannend zu kommentieren. Auf keinen Fall wollte ich die Fernsehzuschauer langweilen.

Was macht denn für Sie eine gute Fussballmannschaft aus?

Da braucht es möglichst viele Persönlichkeiten in der Mannschaft. Dabei denke ich aber nicht an Querdenker und Egoisten, sondern an Spieler mit Ehrgeiz, Kampfeswillen, Teamgeist und menschlicher Intelligenz. Um es überspitzt zu formulieren: Mit doofen Leuten auf dem Feld können Sie keine Spiele gewinnen.

Wie stehen Sie zu den teils horrenden Löhnen im Profi-Fussball?

Seien wir ehrlich. Wenn 19-jährige Spieler mit Ferraris herumfahren, ist das doch eine eigenartige Entwicklung. Als junger Spieler sass ich manchmal 15 Stunden im Zug zu einem Auswärtsspiel und habe mit meinen Mitspielern Karten gespielt. Solche Erlebnisse schweissen zusammen. Wenn sich ein Team nur noch aus Individualisten zusammensetzt, für deren Transfers bis zu 100 Millionen Euro bezahlt werden, dann muss man sich schon fragen, welcher Spieler so viel Geld wert ist. Voilà!

Ging es Ihnen selber im Laufe Ihrer Karriere nie darum, möglichst viel Geld zu verdienen?

Als ich seinerzeit eine Lehre begann, verdiente ich im Monat 250 französische Francs. Als Spieler bei Racing Strasbourg war es kurz darauf vielleicht das Dreifache. Mir war das egal. Ich habe immer nur ans Gewinnen eines Spiels gedacht, nie ans Geldverdienen. Ich habe mich immer vom Herzen leiten lassen, nie vom Kopf. Das war vielleicht nicht immer besonders schlau. Aber so bin ich nun einmal.

Hat denn der Gilbert Gress auch ein paar Laster?

Ich bin die Perfektion in Person (lacht). Nein, im Ernst, ich habe eine Vorliebe für Süssigkeiten. Und um auf mein Gewicht zu achten, verzichte ich beim Essen auf die Sauce und geniesse dafür das Dessert.