Jeden Tag erhält eine Person in der Schweiz die Diagnose Multiple Sklerose. Die Symptome der Krankheit sind vielfältig und variieren von Person zu Person. Sie reichen von Muskelschwäche über Empfindungsstörungen bis hin zu beispielsweise Sehstörungen. Der Krankheitsverlauf ist dabei unterschiedlich. Doch mit der Schwäche von Arm- und Rumpfmuskulatur wird zusätzlich die Atemfunktion beeinträchtigt. «Die Atmung bei MS-Betroffenen soll in Zukunft mehr betont werden», sagt Philippe Merz, Dozent am Studiengang FH für Physiotherapie am BZG, Bildungszentrum Gesundheit Basel-Stadt.

Neue Erkenntnisse durch Studie
Dafür hat die Fachgruppe Physiotherapie bei Multipler Sklerose (FPMS) Ende letzten Jahres in Kooperation mit der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft eine Studie zu diesem Thema gestartet. «Diese Studie soll den Nutzen von gezielten Übungen, welche die Atmung ansprechen, zeigen», sagt Merz. Denn oft haben MS-Betroffene im Verlauf ihrer Krankheit Probleme mit der Atmung. «Neben einer Gehbehinderung kann eine Abschwächung der Atemmuskulatur auftreten, was einen Verlust des Lungenvolumens zur Folge hat», sagt Merz. Damit geht die gute Belüftung der Lungenbläschen sowie die Blähung von Brustkorb und Lungen immer mehr verloren. Die allgemeine Beweglichkeit nimmt ab und die Muskelschwäche zu. «Ausserdem wird durch eine Abschwächung der Atemmuskulatur der Hustenmechanismus ineffizient», sagt Merz. Gerade dieser Hustenmechanismus ist jedoch für die Reinigung der Atemwege sehr wichtig. In der Vergangenheit habe man die physiotherapeutische Behandlung der Atmung zu spät eingesetzt, ist Merz überzeugt.

20 Minuten trainieren
Ingesamt nehmen an der Studie 25 Patienten teil. «Die Patienten befinden sich in einem mittelschweren Stadium der Krankheit», sagt Merz. Das heisst, sie sind alle noch gehfähig. «Die Patienten absolvieren während dreier Monate ein spezielles Trainingsprogramm», erklärt Merz. Nachdem die Patienten von Physiotherapeuten instruiert wurden, können sie dieses alleine zuhause ausführen. «Mit den Übungen wollen wir einerseits erreichen, dass die Lungenfunktion erhalten oder sogar optimiert, und anderseits, dass mit dem Einsatz der Atmung die Beweglichkeit im Brustkorbbereich verbessert wird», sagt Merz. Das Trainingsprogramm verbindet verschiedene Stellungen, bewusstes und vertieftes Ein- und Ausatmen mit gezielter Muskelaktivität. Zusätzlich wird gegen einen Widerstand ausgeatmet. Insgesamt sollte ein Patient etwa 20 Minuten pro Tag trainieren. «Der Patient kann sich dadurch fitter fühlen und die Belastbarkeit sowie die Leistungsfähigkeit erhöhen», so Merz.

Lebensqualität verbessern
Begleitet wird die Studie von der Clinical Trial Unit des Universitätsspitals Basel. «Um die Erfolge zu überprüfen, ziehen wir verschiedene Messwerte heran», erklärt Merz. So werde beispielsweise der Spitzenfluss beim Ausatmen gemessen oder evaluiert, wie weit ein Patient mit einem Atemzug zählen kann. Ausserdem füllen die Probanden einen speziell für MS-Betroffene entwickelten Fragebogen aus und es wird in einem Test die Gehfähigkeit und das Gleichgewicht überprüft. «Die Messwerte werden bei Beginn, am Ende der Trainingsperiode und nach weiteren drei Monaten erhoben», sagt Merz. Damit kann festgestellt werden, ob es bei den Patienten zu einer Verbesserung gekommen ist.
Noch gibt es keine Resultate zur Studie. «Dafür ist es noch zu früh. Wir werden die ersten Erkenntnisse am Jubiläumskongress der Fachgruppe Physiotherapie bei Multipler Sklerose Anfang Mai in Basel vorstellen», sagt Merz. Erste Rückmeldungen von Patienten zeigen jedoch, dass die Akzeptanz sehr hoch ist. «Die Patienten machen die Übungen gern», sagt Merz. Natürlich könne man MS nicht heilen. «Ich bin aber überzeugt, dass wir mit unserer Methode die Lebensqualität der Betroffenen verbessern können», so Merz.