Rosa Wenger ist 58-jährig und arbeitet seit zwei Jahren 100 Prozent in einem Kiosk. Vorher war sie Hausfrau, aber durch die Arbeitslosigkeit ihres Ehemannes war sie gezwungen, diese Arbeit anzunehmen. Das Problem von Rosa ist, dass sie wegen eines kaum unterdrückbaren Harndrangs stündlich zur Toilette gehen muss. Meistens erreicht sie die Toilette rechtzeitig, aber ab und zu verliert sie vorgängig Urin und ist bis auf die Hosen nass. Seit sie am Kiosk arbeitet, haben sich ihre Beschwerden verschlimmert und sie hat Angst, vor den Kunden Urin zu verlieren. Rosa hat sich nun endlich überwunden, das Problem mit ihrer Gynäkologin zu besprechen, die sie daraufhin bei einer spezialisierten Beckenbodenphysiotherapeutin angemeldet hat.

Beckenbodenphysiotherapie

Die Beckenbodenphysiotherapie behandelt grundsätzlich alle Funktionsstörungen im Beckenbereich. Dazu gehören Speicher- und Entleerungsstörungen von Blase und Darm, Verkrampfungszustände wie Vaginismus und Anismus, Senkungen der Beckenorgane, sexuelle Dysfunktionen und beckenbodenabhängige Schmerzen im Becken- und Intimbereich.

Es handelt sich um eine konservative (das heisst nicht operative) Therapieform und wird in der Wissenschaft als erste Massnahme bei Inkontinenz empfohlen. Die physiotherapeutische Behandlung beginnt mit einer eingehenden Besprechung der jeweiligen Probleme der betroffenen Person.

Um ein vollständiges Bild über die Funktionen der Beckenbodenmuskeln und die Lage von Blase, Gebärmutter und Darm zu erhalten, ist eine vaginale oder rektale Untersuchung mit entsprechenden Tests sinnvoll und gibt wichtige Informationen für die Behandlung.
 

Die Physiotherapeutin hat nach einer eingehenden Besprechung mit Rosa noch mehr Probleme festgestellt. Rosa verliert auch Urin beim Heben und Husten und seit der Menopause leidet sie unter Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Die Untersuchungsergebnisse des Beckenbodens zeigten eine viel zu hohe Muskelspannung, wodurch der Beckenboden zu wenig beweglich wird; nebst der verminderten Anspannungskraft war vor allem die Entspannung verzögert. Ausserdem spannt der Beckenboden bei einer Erhöhung des Bauchdrucks wie zum Beispiel beim Husten nicht an.
 

Wichtige Teile der Behandlung sind die Wahrnehmung des Beckenbodens und dessen korrekte Aktivierung und Relaxation, das Erarbeiten beziehungsweise Anpassen von hilfreichem Verhalten, gezielte Kräftigung und Training der Beckenbodenmuskulatur sowie deren Integration in Alltags- und Sportaktivitäten. Bei Schmerzen, Verspannungen oder Triggerpunkten im Beckenboden reduzieren intravaginale oder rektale Behandlungstechniken die Symptome. Die Behandlung kann durch apparative Massnahmen (EMG- oder Druck-Biofeedback und Elektrostimulation) sowie durch Hilfsmittel wie Ballon oder Dilatationsset unterstützt werden.
 

Rosa musste zuerst lernen, ihren Beckenboden wieder zu spüren und zu bewegen, vor allem das Wahrnehmen der Entspannung war bei ihr wichtig. Ihr Trink- und Toilettenverhalten wurde optimiert und sie hat gelernt, wieder «Herr» über ihre eigene Blase zu sein. Weil sie aber auch beim Husten Urin verliert, war es wichtig die Beckenbodenkoordination zu verbessern. Das Training hat sie konsequent umgesetzt und im Alltag integriert zum Beispiel beim Heben von Lasten während der Arbeit. 
 

Sprechen Sie auch Ihr Problem an!

Eine Abklärung durch einen Gynäkologen, Urologen. Gastroenterologen oder den Hausarzt ist wichtig, damit Sie eine geeignete Therapie erhalten. Nach der Diagnosestellung kann eine Physiotherapie verordnet werden, wobei die Zuweiser mit den spezialisierten Physiotherapeuten zusammenarbeiten.
 

Und Rosa? Sie ist glücklich, dass sie ihr Schamgefühl überwunden und Hilfe gesucht hat. Sie kann das Leben wieder geniessen, und Sie?