Wann, Herr Hübler, sind Operationen in den allerersten Tagen nach der Geburt nötig?

Kinder mit angeborenen Herzfehlern sind fast immer geschützt, solange sie im Mutterleib sind. Unmittelbar nach der Geburt setzen Veränderungen am Herz, den herznahen Gefässen und der Lunge ein und die Auswirkungen des Herzfehlers machen sich zum Teil dramatisch mit Herz-, Kreislaufversagen oder Lungenversagen bemerkbar.

Häufig können Medikamente oder Herzkathetermassnahmen diese Auswirkungen abmildern, meist ist eine Operation dann aber nur aufgeschoben und muss trotzdem innerhalb der ersten zwei Lebenswochen stattfinden, um das Überleben und eine gute Lebensqualität des Kindes zu gewährleisten.

Heutzutage können wir jedoch diese komplexen Operationen auch bei den kleinsten Kindern mit einem Höchstmass an Sicherheit duchführen.

Einen Namen haben Sie sich mit der sogenannten Aorta Translokation gemacht: Was muss ich mir darunter konkret vorstellen?

Diese Operation wird bei Kindern durchgeführt, bei denen die Grossen Arterien, die aus dem Herzen entspringen, angeborenermassen vertauscht sind. Das Blut nimmt dann den falschen Weg, der Körper wird nicht genügend mit Sauerstoff versorgt.

Die beste Methode ist, diese Gefässe in die richtige Position zu bringen. Dazu wird die Körperschlagader (Aorta) aus der Herzbasis herausgeschnitten und an der richtigen Stelle wieder eingepflanzt. Der Vorteil dieser aufwändigen Methode ist, dass das Herz wie ein normales gesundes Herz aussieht und auch arbeitet.

Das Problem ist, dass es nur wenige Chirurgen auf der Welt gibt, die diese Operation häufig und erfolgreich durchgeführt haben. Glücklicherweise sind wir hier in Zürich in der Lage, den Kindern mit dieser Behandlungsmethode zu helfen.

Wo steht die Herzchirurgie, insbesondere die Kinderherzchirurgie, heute?

Die Herzchirurgie hat sich in den letzten Jahren enorm gewandelt. Mittlerweile gibt es viele Eingriffe bei Erwachsenen, die nicht mehr am offenen Herzen, sondern mit Kathetern durchgeführt werden. In der Kinderherzchirurgie ist dies meist nicht möglich. Vieles hängt vom chirurgischen Geschick des Operateurs ab.

Es bedarf auch eines guten Teams, um den Kindern die bestmögliche Therapie zukommen zu lassen. Schon bei der Pränataldiagnostik werden Weichen gestellt. Mittlerweile sind für alle Herzfehler gute Operationsmethoden entwickelt worden, sodass selbst die kleinsten Kinder mit sehr geringem Risiko operiert werden und danach ein unbeschwertes Leben führen können.

Welche neuen Operationsverfahren erachten Sie als besonders wegweisend?

Vor allem die Entwicklung von kathetertechnischen Verfahren zur Behandlung von einfacheren Herzfehlern unter Umständen bereits im Mutterleib, die Einsatzmöglichkeiten von Kunstherzen bei schweren angeborenen Herzfehlern und mitwachsende Herzklappen.

Wie sieht es hinsichtlich Forschung und Entwicklung aus?

Mein Team arbeitet sehr intensiv mit dem Zentrum für regenerative Medizin der Universität Zürich an der Entwicklung neuer Herzklappen zusammen. In diesem Bereich kooperieren wir auch mit der Industrie und europäischen Projektpartnern. Ein anderer Schwerpunkt liegt in der Entwicklung einer speziellen Kreislaufunterstützungspumpe für Kinder.

Dies erfolgt in Zusammenarbeit mit der ETH in Zürich. Ich habe auch versucht, neue und innovative Behandlungsmethoden, die ich in Berlin erfolgreich eingesetzt habe, hier einzuführen.

Dazu gehört die Miniaturisierung der Herz-Lungenmaschine, welche die Transfusion von Blutkonserven während der Herzoperation selbst bei kleinen Kindern überflüssig macht.

Sie engagieren sich auch im Bereich Charity-Arbeit und Wohltätigkeit. Weshalb?

Auch in weniger entwickelten Ländern gehören angeborene Herzfehler zu den häufigsten Todesursachen im Kindesalter. Eltern haben dort meist keine Möglichkeit, die Behandlung zu bezahlen, geschweige denn ihre Kinder ins Ausland zu schicken.

Sie können nur hilflos zusehen, wie ihre Kinder an den angeborenen Herzfehlern oft nach wenigen Wochen bis Monaten versterben. In unseren Missionen haben wir versucht, den Kollegen vor Ort unser Know-how weiterzugeben und mit ihnen zusammen die Behandlungsmöglichkeiten zu verbessern.

Die Behandlung der herzkranken Kinder umfasst aber auch sehr viele andere Disziplinen, die wir mit unserem Team unterstützen wollen.

Sie legen grossen Wert auf Teamarbeit.

Ich lege Wert auf eine kollegiale und freundschaftliche Atmosphäre im Team. Die Behandlungsmethoden sind so komplex geworden, dass man heute Spezialisten in vielen Teilbereichen benötigt.

Diese gilt es zu motivieren, was eine sehr wichtige Aufgabe für mich ist. Als Einzelkämpfer erreicht man heute in der Medizin nichts mehr.