Am 6. Mai 1953 setzte John Gibbon in Philadelphia erstmals eine Herz-Lungen-Maschine ein. Wie steht es heute um die Herzchirurgie – 60 Jahre später? Sehr gut! Die Anzahl und die Perspektiven der Herzoperationen steigen stetig, die Entwicklung von Technik und Methoden ist enorm.

Die Herz-Lungen-Maschine (HLM) war der Durchbruch, die Eröffnung dieser Spezialität. Das Gehirn war stets der limitierende Faktor gewesen, da es eine kontinuierliche Sauerstoffversorgung, das heisst einen kontinuierlichen Kreislauf benötigt. Die Maschine ermöglichte es, den Blutkreislauf aufrechtzuerhalten, während das Herz still stand.

Weshalb begannen die Operationen am Herzen so spät?

Hauptsächlich aufgrund dieses technischen Problems, aufgrund des Gehirns. Andere Faktoren spielten in der Vergangenheit jedoch ebenfalls eine Rolle. Noch bis vor nicht allzu langer Zeit galt das Herz als Sitz der Seele und es anzutasten war ein Sakrileg.

Noch immer geht vom Herzen eine besondere Faszination aus. Auch in der Öffentlichkeit sind Mitteilungen über die Herzchirurgie besonders gefragt. Hier vereinen sich Wissenschaft und Emotion.

Besteht für alle Menschen das Risiko, eine Herzoperation zu benötigen?

Wahrscheinlich ja, wenn wir lang genug leben! Mit der Zeit kommen die Probleme – Verschleiss und Degeneration. Das betrifft die Wand der Arterien (sogenannte Arteriosklerose) und die Herzklappen. Denken Sie nur einmal daran: Die Klappen öffnen und schliessen sich vollständig mit jedem Herzschlag, gegen 100'000 Mal – pro Tag.

«Ein Herzinfarkt ist primär eine Erkrankung der Herzkranzarterien, nicht des Muskels selbst»

Das macht bei der heutigen Lebenserwartung einige Milliarden Klappenaktivitäten. Es grenzt an ein Wunder, dass diese nicht schon viel früher degenerieren.

Ein anderes, kaum zu verstehendes Phänomen ist der Herzmuskel selbst – die Quelle der Energie für den Kreislauf – er arbeitet so viel und erkrankt nur recht selten.

Ein Herzinfarkt ist primär eine Erkrankung der Herzkranzarterien, nicht des Muskels selbst.

Sind alte Menschen demnach Ihre häufigsten Patienten?

Wir Herzchirurgen kümmern uns ganz speziell um die Extreme des Lebens: Jene am Anfang und jene am Ende. Dazwischen sind Herzoperationen selten notwendig.

Die Ziele unserer Operationen sind hauptsächlich, den Herzmuskel zu erhalten und zu schützen und die Stellen zu korrigieren, wo viel Energie verloren geht. Bei den Kindern müssen zudem häufig Fehlverbindungen zwischen einzelnen Teilen des Herzens korrigiert werden.

Und die Reihenfolge der häufigsten Herzoperationen?

Nach dem Ersatz erschöpfter Herzklappen stehen an zweiter Stelle die Bypass-Operationen, und danach kommt die Korrektur von Missbildungen, typischerweise bei Kindern.

Insgesamt ist in unserer Gesellschaft die koronare Herzerkrankung das häufigste Problem des Herzens, allerdings kann die Mehrheit der Patienten heute mit Kathetertechniken, etwa Ballons oder Stents, und nicht durch die Chirurgie behandelt werden.

An welchen Herzkrankeiten leiden Kinder?

Die Entwicklung des Herzens ist extrem komplex und kann fehlerhaft sein. Wenn ein Baby zur Welt kommt, hat das kleine Herz bereits acht Monate Schwerstarbeit geleistet. Die Lunge beispielsweise beginnt erst nach der Geburt zu arbeiten.

Die Geburt ist eine riesige und schnelle Änderung des Kreislaufs. Viele angeborene Herzfehler, wie «Löcher» im Herzen, fehlerhafte Klappen, Falschmündungen müssen wir oft schnell reparieren, manche kurz nach der Geburt.

Im Kinderspital Zürich werden pro Jahr etwa 70 Kinder bereits in den ersten Lebenswochen operiert. Einmal in meiner Zeit wurde in einem Saal der Kaiserschnitt vorgenommen und im Nebensaal unmittelbar danach das Herz des Neugeborenen operiert.

Was ist der grösste Unterschied in dieser Chirurgie zwischen Kindern und Erwachsenen?

Bei den Kindern ist alles komplexer und natürlich viel kleiner als bei Erwachsenen. Die HLM, die Fäden und die Prinzipien sind gleich: Schutz des Herzmuskels sowie Korrektur von Energieverlust und Fehlverbindungen sind das Ziel. Bei Kindern ist aber zum Beispiel die Rekonstruktion einer Klappe statt eines Ersatzes besonders wichtig.

Prothesen wachsen nicht und müssen dann weiter ersetzt werden, ausserdem gibt es zusätzlich Probleme der Prothesen selbst, wie die Notwendigkeit für eine lebenslange Therapie, beispielsweise eine Blutverdünnung.

Gibt es Fälle, in denen eine Operation nicht mehr möglich ist?

Ja, klar. Oft wenn das Herz seine Kraft verloren hat. Das Herz ist ein unglaublicher Muskel, der jahrelang unermüdlich stark arbeitet. Ich wundere mich manchmal selber, wie lange er mit seinen Klappen durchhält.

Aber ist das Herz, der Muskel einmal wirklich soweit, dass er nicht mehr kann, bleibt nur noch sein Ersatz. Es gibt keine richtige Operation, die den Muskel stärker machen kann, wenn er krank oder kaputt ist.

Wird dann eine Transplantation durchgeführt?

Ja, wenn es geht, wenn die Bedingungen des Patienten erfüllt sind und wenn er das Glück hat, ein neues Herz zu erhalten. Wir führen in der Schweiz etwa 30-35 Herztransplantationen pro Jahr durch, und zwischen 5 und 10 Patienten sterben auf der Warteliste, bevor sie eine solche Chance erhalten. Und wir sind sehr restriktiv mit unseren Kriterien, zum Beispiel darf ein Patient nicht älter als 65 sein.

Und die Alternative?

Die Zukunft für den Ersatz defekter Herzen wird den Kunstherzen gehören. Die Entwicklung ist auf einem guten Weg.

Gibt es auch in der High-Tech-Schweiz solche Projekte?

Es wäre wünschenswert. Schweizer Qualität wird weltweit geschätzt, schauen Sie zum Beispiel unsere Uhren an. Die Entwicklung und Herstellung eines «Swiss Heart», eines Kunstherzens «Made in Switzerland», würde sicher als Garantie für gute Überlebenschancen gelten.

Weshalb gelten speziell die Herzchirurgen als «Halbgötter»?

Weil sie direkt gegen den Tod kämpfen, für die Wiederbelebung der Patienten sorgen, am Herzen, das der Motor des Lebens ist. Aber während einer Operation ist das Herz für uns Wissenschafter nicht mehr als eine Pumpe, die wir gut kennen und reparieren können.

Für uns als Menschen ist das Herz jedoch immer noch mehr, es ist das Zentrum aller Emotionen. Auch hier gibt es Erkrankungen, zum Beispiel Liebeskummer. Aber diese können wir nicht durch eine Operation heilen (Augenzwinkern).