Herr Professor Lüscher, in welche Richtung geht die Kardiologie heute?

Die Kardiologie wird zunehmend eine sogenannte interventionelle Disziplin. Das heisst, es werden meist zusätzlich zu einer medikamentösen Therapie gezielte Eingriffe am erkrankten Gewebe vorgenommen, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.

Die Kardiologie wird von einem internistischen Fach auch zu einem Hybrid, das sowohl die medikamentöse Therapie als auch chirurgische Eingriffe und verschiedene medizintechnische Möglichkeiten optimal nutzt.

Stirbt der klassische ­Herzspezialist aus?

In grossen Herzzentren gewiss. Wir brauchen heute in der Klinik Ärzte, die auch manuell tätig sind. Ein Beispiel ist die Herzinsuffizienz, also ein schwaches Herz, welches die benötigte Leistung nicht mehr erbringen kann.

Nebst der Behandlung mit Medikamenten geht es hier auch um die Implantation von Herzschrittmachern und Defibrillatoren.

Was ist mit der klassischen Kardiologie?

In der Praxis braucht es sie sicher weiterhin für die Grundversorgung. In Zentren aber rücken Herzchirurgen und Kardiologen immer näher zusammen. Ich könnte mir vorstellen, dass daraus in zehn bis zwanzig Jahren eine Disziplin wird.

Können dadurch häufige Krankheiten effizienter ­bekämpft werden?

Ich denke, im Moment können die allermeisten Probleme in der Kardiologie wirksam behandelt werden, heilen kann man nur wenige. Es gibt aber futuristische Tendenzen, die im Moment noch in der Zukunft liegen. Das ist einerseits die Gentherapie und andererseits die Stammzelltherapie.

Beide versuchen Gewebe oder Organe zu ersetzen, die nicht funktionieren. Jede Herzinsuffizienz führt heute letztlich zum Herzversagen, wir sind nur in der Lage, im Rahmen einer Transplantation das ganze Organ, in diesem Fall das Herz, zu ersetzen. Dafür kommen aber nur wenige in Frage und es erfordert eine lebenslange Immunsuppression mit allen Folgen.

Bei den meisten Patienten können wir die Krankheit nur hinausschieben und stabilisieren, aber wir können das Organversagen letztlich nicht verhindern. Die Stammzelltherapie hat die Vision, durch Stammzellen neues Gewebe verfügbar zu machen und damit die Schlagkraft des Herzens wiederherzustellen.

Das funktioniert im Moment nur sehr bedingt, mit relativ geringem Erfolg. Auch in Zürich machen wir eine Stammzellstudie und lernen immer mehr, wo die Probleme liegen.

Wir können uns für die Zukunft vorstellen, dass die Zellen so modifiziert werden, dass sie das Gewebe bilden, das der Patient braucht - das wäre regenerative Medizin.

Hat die Pharmaindustrie ­ausgespielt?


Es scheint, dass die Pharmaindustrie im Moment eine gewisse Innovationskrise hat. Man muss aber bemerken, dass wir die meisten Patienten mit den verfügbaren Medikamenten optimal einstellen können – man hat bereits viel erreicht.

Wir haben aber Bereiche, in denen zurzeit ein Innovationsschub stattfindet. Das ist vor allem bei der Blutgerinnung der Fall.

Ist das auch beim Herzinfarkt wichtig?


Richtig, dort gibt es einige innovative Ansätze. Wen man die Todesrate beim Herzinfarkt seit Eisenhower ansieht, dann ist sie von etwa 50% auf gute 5%, zum Teil noch etwas weniger, gesunken. Das ist ein unglaublicher Fortschritt. Hier noch besser zu werden, ist nicht ganz einfach.

Allerdings treten auch bei überlebenden Infarktpatienten im Laufe der folgenden Jahre immer wieder Ereignisse auf, die es zu behandeln gilt. Schliesslich gibt es noch Patienten, die grosse Herzinfarkte erlitten haben, bei denen dann die Idee der Stammzelltherapie hineinspielt, um ein Pumpversagen zu verhindern.

Das sind neue zukunftsträchtige Therapieformen, die aber im Moment noch keine praktische Bedeutung haben. Dort könnte die Pharmaindustrie zukünftig wieder eine grosse Rolle spielen, indem sie Medikamente bereithält, die beispielsweise die Stammzellen funktionstüchtiger machen.

Weiter gibt es auch neue Gebiete der Pharmakotherapie - nicht mehr Tabletten, sondern die genetische Pharmakotherapie, welche mit Antisensetechnologie krankmachende Gene stillzulegen versucht. Solch neue Therapieformen sind erst in Entwicklung. Aber das sind neue Türen, die aufgehen.