Naiomi Jacklin ist Hörgeräteakustik-Meisterin. Die Anzahl der Personen, die eigentlich schon ein Hörgerät besitzen sollten, hinkt den technischen Fortschritten der Hersteller hinterher.

Denn das Hörgerät hat noch immer das veraltete Image einer Krücke, die unübersehbar auf eine Behinderung des Trägers hinweist. «Dabei sollten ernsthafte Anzeichen, dass man sein Gehör verliert, gar nicht abgewartet werden», warnt Audiologie-Managerin Jacklin. Denn bis dahin verlernt das Gehirn bereits das Hören, die Nerven bekommen zu wenig Reize geliefert, und je länger man zuwartet, desto schwerer wird es dann, sich wieder ans Hören zu gewöhnen.

Zu spät

Auch im internationalen Vergleich denken die Schweizerinnen und Schweizer tendenziell zu spät daran, den Ohrenarzt aufzusuchen. «Zu oft melden sich die Leute erst an, wenn der Leidensdruck schon gross ist», weiss Jacklin. 1,4 Millionen Menschen in der Schweiz leiden an einer Hörminderung. Und 800000 würden eigentlich ein Hörgerät benötigen. Doch nur 0,3 Millionen tragen derzeit eines. Und die demografische Entwicklung sorgt dafür, dass diese Zahlen noch markant ansteigen werden. 

Technisch funktional

Herr und Frau Schweizer sind vergleichsweise wählerisch, wenn sie dann den Zeitpunkt gekommen sehen, sich mit der Hörhilfe auszurüsten. «Die Ansprüche an Hörgeräte sind in jedem Land unterschiedlich hoch», konnte Jacklin feststellen, «hierzulande legt der Kunde grossen Wert auf ausgezeichnete technische Funktionen.»

Der Schweizer wählt das Gerät denn generell eher am oberen Rand des Preisspektrums. In anderen Ländern spielt die Kosmetik eine grössere Rolle – der Schweizer legt also mehr Wert auf Funktionalität denn auf die Optik. Das zeigt auch die Tatsache, dass das hinter dem Ohr getragene Gerät noch immer gebräuchlicher ist als die Varianten Im-Ohr und Komplett-im-Gehörgang, welche die Hörhilfe für den Betrachter unsichtbar machen.

Brain Hearing Technologie

In den Beratungsgesprächen mit Neukunden zeigt sich immer wieder, dass die Meinung über Hörgeräte geprägt ist von den schlechten Erfahrungen im eigenen Umfeld. «Sie erinnern sich daran, dass das Hörgerät ihrer Eltern nur in der Schublade gelegen hat», sagt Jacklin.

Andere Betroffene von Hörschwächen entsinnen sich, dass Verwandte das Gerät in Gesprächen in einer Gruppe jeweils ausschalteten, weil sie die Lautstärke nicht zufriedenstellend regulieren konnten. Die neuen Träger der heute hochentwickelten Geräte sind jeweils angenehm überrascht, welche Fortschritte diese Industrie seither gemacht hat. Als grösste Innovation in jüngster Vergangenheit gilt die 'Brain-Hearing-Technologie'.

Damit hat Oticon ein Produkt in den Markt eingeführt, das in der Lage ist, das Gehirn bei seiner Arbeit, Klänge zu verstehen, zu unterstützen. Der Teilverlust des Gehörs verlangt dem Gehirn nämlich Mehrarbeit ab – es muss die Klanglücken füllen. Damit bleibt wenig Funktionsreserve für andere geistige Prozesse – mit der Folge, dass der Betroffene schneller ermüdet.

Das Hirn kann Sprachinhalte nicht mehr abspeichern. Was wiederum zu einem frühzeitigen geistigen Abbau führt. Die 'Brain-Hearing-Technologie' assistiert dem Gehirn bei Orientierung, Fokussierung, Trennen und Erkennen von Klängen und Sprache. Die Signale werden so verarbeitet, dass unser Gehirn sie besser dekodieren kann. Diese neuartige Technologie macht das Verstehen und Hören einfacher und angenehmer.

Individualisierung

Solche technischen Wunderwerke sollten dazu beitragen, die Köpfe endgültig von der vorherrschenden Vorstellung des veralteten Hörgeräts zu befreien. «Die Individualisierung wird künftig eine noch grössere Rolle spielen», prognostiziert die Oticon-Audiologin.

Da kein Gehör gleich ist und jeder Gehörverlust individuell, wird dies die nächsten technischen Errungenschaften prägen.