Der Verlauf einer MS-Erkrankung ist im Einzelnen nicht sicher vorhersehbar und sehr individuell. Darum nennt man sie auch die Krankheit mit den 1'000 Gesichtern. Ihre Ursache ist bislang nicht bekannt. Bei der Mehrheit der Betroffenen (rund 85 Prozent) beginnt die MS mit Schüben.

Ein Schub ist ein akuter neurologischer Funktionsausfall, der mindestens einen Tag anhält und verschiedene Symptome zur Folge haben kann. Ein häufig von der Umwelt verkanntes Symptom ist die Fatigue, eine spezielle Form der Müdigkeit. Über 60 Prozent aller MS-Betroffenen leiden darunter. Sie kann von einem Moment zum anderen auftreten und dann plötzlich wieder verschwinden.

Aktiv leben

Es existiert kein Massnahmekatalog dafür, welche alltäglichen Verhaltensweisen den Krankheitsverlauf von MS besonders positiv oder negativ beeinflussen. Es gibt zum Beispiel viele Diäten und Ernährungsempfehlungen für Menschen mit MS, die aber mehr eine Glaubensfrage sind.

«Die Krankheit kann unterschwellig an den Ressourcen nagen, auch wenn man sich gesund fühlt»

Grundsätzlich sollten Betroffene, wie wir alle, auf eine ausgewogene Ernährung achten. Gemäss Prof. Dr. med. Kappos, Chefarzt der Neurologischen Klinik und Poliklinik, Universitätsspital Basel, sind Diäten allesamt nicht erwiesen wirksam, vielleicht mit Ausnahme der ausreichenden Vitamin-D-Zufuhr.

Sport kann zwar das Fortschreiten der MS nicht aufhalten. Klinische Studien ergaben jedoch, dass regelmässiges Training positiven Einfluss auf körperliche Beeinträchtigungen bei MS-Patienten haben kann: «Hiess es früher, dass man sich schonen soll, sprechen sich die Ärzte heute eher für körperliche und geistige Aktivität aus. Natürlich vorausgesetzt, dass sich die Person nicht überanstrengt», so Kappos. Die eigene Belastbarkeitsgrenze sollte im Alltag und Beruf generell nicht überschritten werden.

Therapie als Chance

Die Behandlungsmöglichkeiten bei MS reichen von der Schubbehandlung über die Verlaufs- und Rehabilitationstherapie bis zur Komplementärmedizin. Für die verschiedenen alternativen Methoden fehlt aber der wissenschaftliche Nachweis, dass sie bei MS wirksam sind. Es kommt vor, dass sich Betroffene gegen eine medikamentöse Behandlung entscheiden.

«Wir gehen davon aus, dass etwa 20 bis 30 Prozent der MS-Betroffenen einen an sich schon gutartigen Verlauf erwarten, deshalb eigentlich auf eine medizinische Therapie verzichten, und trotzdem jahrzehntelang beschwerdefrei leben könnten», so Kappos.

Er mahnt jedoch, dass es fast unmöglich ist, einen solch gutartigen Verlauf sicher vorauszusagen und  dass die Beschwerdefreiheit oft trügerisch sein kann: «Eine scheinbare empfundene Stabilität kann durch laufende Kompensationsvorgänge vorgetäuscht sein.

Die Krankheit kann unterschwellig an den Ressourcen nagen, auch wenn man sich gesund fühlt. Es ist so, wie wenn man einen Teil der laufenden Ausgaben über eine steigende Hypothek finanziert, irgendwann geht dann die Luft aus.»

Medikamente und Forschung

Durch Eingreifen in einem frühen Stadium kann man heutzutage mit Medikamenten gezielt auf die Krankheit einwirken. Die Therapie muss dabei auf die jeweilige Person abgestimmt werden. «Je länger man eine Behandlung herausschiebt, desto schwieriger gelingen Therapieerfolge», betont Kappos.

Er rät nicht grundsätzlich vom Verzicht auf Medikamente ab. Der Entscheid will aber gut überlegt sein: «Jeder muss für sich entscheiden, ob er das Risiko eingehen will, auf eine Behandlungsmethode zu verzichten, deren Wirksamkeit wissenschaftlich erwiesen ist.»

MS ist zwar bislang nicht heilbar, doch Medikamente können den Verlauf einer MS-Erkrankung abmildern. Neue sowie bewährte Substanzen werden in vielen Studien laufend getestet und aktualisierte Erkenntnisse in die Therapieberatung mit einbezogen.

Richtige Ansprechpartner

«MS ist eine chronische Krankheit. Deshalb ist eine kontinuierliche Beziehung zu einer Vertrauensperson besonders wichtig. Dies kann der Hausarzt, ein Neurologe oder spezialisierte MS-Sprechstunden sein», so Kappos. Die MS-Gesellschaft bietet zudem in der Schweiz als Informations-, Vermittlungsstelle und neutrale Beratungsinstanz gute Orien­tierungshilfe und psychosoziale Hilfestellungen.

Die körperlich einschränkenden Auswirkungen der Erkrankung, aber auch die Auseinandersetzung mit der von dieser Krankheit ausgehenden Bedrohung und Zukunftsunsicherheit können psychische Symptome beziehungsweise motionale Veränderungen auslösen. In solchen Fällen ist es wichtig, Kontakt zu einer Fachperson aufzunehmen und sich allenfalls in psychotherapeutische Behandlung zu begeben.

Familie und Freunde sind eine wichtige Stütze für MS-Betroffene. Angehörige sollten die Person möglichst normal behandeln und Hilfestellung leisten, wo sie nötig ist. «Sie sollen den positiven Umgang mit der Krankheit fördern und durchaus auch Leistung vom Betroffenen fordern», erklärt Kappos.

Wichtig ist, dass die Krankheit nicht zum bestimmenden Lebensmittelpunkt wird, sondern ein ernstzunehmender Bestandteil, mit dem es sich auch gut leben lässt.