Dr. Staudenmann, was genau bedeutet «arbeitsorientierte Rehabilitation» bei Rückenschmerzen?
Manche Unfallpatienten leiden unter so starken Rückenschmerzen, dass sie trotz ambulanter Therapie nicht an den Arbeitsplatz zurückkehren können. In solchen Fällen ist eine arbeitsorientierte Rehabilitation – kurz AR – angezeigt. Die Patienten verbringen vier bis sechs Wochen in der Rehaklinik, trainieren die geschwächte Muskulatur, verbessern ihre Kondition – flankierend mit schmerzlindernden Massnahmen – und bereiten sich mit Arbeitssimula­tionen auf die Wiederaufnahme ihrer beruflichen Tätigkeit vor.

Heisst das, dass die Patienten in der Rehaklinik richtig arbeiten?
Sie führen Übungen aus, die ihrer beruflichen Tätigkeit sehr nahe kommen. So gewöhnen sich die Patienten wieder an die typischen Bewegungsabläufe und Belastungen. Ein Maurer baut beispielsweise eine Mauer oder eine Architektin trainiert am ergonomisch eingerichteten Büroarbeitsplatz – alles unter Begleitung eines Therapeuten.

Können die Patienten trotz Schmerzen solche Arbeiten ausführen?
In den ersten Tagen der AR wird der Patient zunächst intensiv abgeklärt. Danach führt ihn ein Physiotherapeut in ein individuell angepasstes, problembezogenes Trainingsprogramm ein. Je nach Bedarf werden zusätzlich schmerzreduzierende Massnahmen angewendet, zum Beispiel Wärmepackungen. Von Woche zu Woche steigert man die Belastung, und man passt das Programm den jeweiligen Bedürfnissen des Patienten an. Die Arbeitssimulationen ergänzen das Trainingsprogramm ab der zweiten Hälfte des Aufenthalts, sobald der Patient belastbarer ist.

Ist es nicht gefährlich, wenn jemand trotz Schmerzen arbeitet?
Früher glaubte man, dass Menschen mit Rückenschmerzen sich schonen sollten. Dies hat sich beim «harmlosen» Rückenschmerz als falsch erwiesen. Schonung bedeutet, dass sich die Rückenmuskulatur zurückbildet – dadurch führen immer geringere Belastungen zu Schmerzen. Wer Rückenschmerzen hat, sollte deshalb möglichst in Bewegung bleiben. Viele unserer Patienten haben Angst, dass körperliche Arbeit ihrem Rücken schadet. Dies ist ein Trugschluss. Es ist eine wichtige Aufgabe der Ärzte und Therapeuten, die Patienten umfassend zu informieren, Ängste abzubauen und aufzuzeigen, wie man mit Schmerzen am besten umgeht.

Welche Rolle spielt die Psyche?
Sie kann das Schmerzempfinden stark beeinflussen. Viele unserer Patienten sind wegen ihres Unfalls psychisch belastet. Durch die veränderten Lebensumstände entstehen oft auch Spannungen in der Familie und Zukunftsängste. Solche Belastungen können Depressionen und stressbedingte Beschwerden hervorrufen. Deshalb werden die Patienten bei Bedarf psychologisch unterstützt, und sie können die Beratung unserer Sozialberater beanspruchen. Sobald sich für die Probleme Lösungen abzeichnen, Ängste zurückgehen und sich der psychische Zustand bessert, verlieren die Schmerzen allmählich an Bedeutung und nehmen ab.