Stressbedingte Schlafstörungen

«Ich habe heute Nacht so schlecht geschlafen», dieser Ausspruch ist vielen Menschen sicher bekannt. Doch oft steckt mehr dahinter, als es auf den ersten Blick scheint. «Die meisten Ein- und Durchschlafstörungen sind stressbedingt», sagt Dr. Jens Acker, Schlafspezialist und leitender Arzt an der Klinik für Schlafmedizin.

Meistens stünden sie in Zusammenhang mit grossen beruflichen oder privaten Anspannungen. Schlafstörungen seien eines der frühen Symptome einer Stressreaktion. Kurz dauernde Stressphasen gehören zum Alltagsleben und müssen nicht behandelt werden.

Wenn es aber mehrere Wochen andauere und man abends nicht mehr abschalten könne, sich schlaflos im Bett herumwälze oder gar Angst davor habe, ins Bett zugehen, seien dies Zeichen, dass man in einen Teufelskreis hineinrutscht, den man schnellstens unterbrechen sollte, so Acker.

«Psychische, stressbedingte Störungen wie Erschöpfungszustände und Burnout oder auch Depressionen können, wie wir heute wissen, auch mit dem Verzicht auf Erholung, Schlafmangel oder schlechter Schlafqualität zusammenhängen.»

Viel zu häufig würden Schlafstörungen mit Medikamenten behandelt, meint Acker. Diese änderten an der Ursache der Schlafstörung jedoch nichts und verschlechterten häufig die natürliche Schlafqualität. «Menschen mit Schlafstörungen müssen ein Entspannungsverfahren lernen, mit dem sie ihre Anspannung herunterfahren und in den Schlaf hineinkommen können», erklärt der Schlafspezialist.

Auch einfache Rituale können den Schlaf fördern – beispielsweise ein Abendspaziergang oder ein abendliches Gespräch mit dem Partner, um den Tag Revue passieren, dann aber ruhen zu lassen.

Schlafen lernen

«Wir alle haben als Kinder schlafen gelernt. Ist eine längerdauernde Störung der natürlichen Schlaffunktion eingetreten, kann mit professioneller Hilfe ein gesundes Schlafverhalten neu erlernt und im Alltag verankert werden», macht der Experte allen Betroffenen Mut.

Eines der grossen Problem die einem gesunden Schlafverhalten entgegenwirken, sieht der Mediziner jedoch darin, dass der Schlaf in der heutigen Gesellschaft ein schlechtes Image hat. «Menschen, die gerne viel und lange schlafen, werden oft als faul oder weniger leistungsfähig eingeschätzt.»

Dies bestätigt die Forschung allerdings ganz und gar nicht: Es ist erwiesen, dass Menschen, die ausreichend lange und entspannt schlafen, in der Regel geistig deutlich bessere Leistungen erbringen können als Personen, die zu wenig oder chronisch schlecht schlafen. Das gilt für den Beruf genauso wie für Schule und Studium.

«Schlaf ist die wichtigste Erholungsform für Körper und Geist», erklärt Acker. «Wir brauchen ausreichend Schlaf, um unsere Körperfunktionen zu regenerieren. Verschiedene biologische Rhythmen, die auch Auswirkungen auf die Gedächtnisleistung haben, laufen nur im Schlaf ab. Wer schlecht schläft, kann sich weniger merken. Guter Schlaf ist fast schon ein Karrieregarant. Aus­serdem verarbeiten wir im Schlaf unsere Emotionen.»

Jeder Mensch hat einen individuellen Schlafbedarf, der meist zwischen 5 und 9 Stunden liegt. Der Schweizer schläft durchschnittlich 7,5 Stunden pro Nacht.

Da der individuelle Schlafbedarf in den verschiedenen Lebensphasen aber variiert, ist es manchmal schwierig, das eigene passende Schlafpensum zu finden. Jugendliche und Studenten machen gerne die Nacht zum Tag, sie haben ihre Leistungsspitze abends oder nachts. Im Alter wird der Schlafbedarf kürzer und die Schlaffunktion instabiler.

Gegen die innere Uhr

Viele berufstätige Menschen betreiben laut Acker einen willentlichen Schlafentzug. Man spreche auch vom «Social Jetlag», was bedeutet, so Acker, «dass wir uns aus gesellschaftlichen Gründen geeinigt haben, weniger zu schlafen. Wir müssen länger arbeiten, wir müssen Freunde treffen, wollen etwas erleben – und der Schlaf wird zurückgestellt.»

Am Wochenende schlafe man dann mal aus. «Doch Schlaf lässt sich nur bedingt nachholen», warnt der Experte. Das ständige Leben gegen die Uhr könne ernsthafte Folgen haben.

«Schlechte Schlafqualität ist nicht nur ein Komfortproblem, sondern kann auch körperliche und seelische Erkrankungen begünstigen und so unser Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle und Depressionen verschlechtern. Erholsamer und ausreichender Schlaf ist also eine Investition in die eigene Gesundheit.»