Das wachsende Bewusstsein, wie wichtig neben den motorischen und sensorischen Bereichen auch die mentalen Fähigkeiten sowie Diagnostik und Therapie von sogenannten «unsichtbaren Behinderungen» für das Bestehen im Alltag sind, hat zum verstärkten Einbezug der Neuropsychologie geführt.

Schon einfache Alltagssituationen stellen hohe Anforderungen an unsere mentale Leistungsfähigkeit. Eine Mahlzeit kochen, Kinder betreuen, Zeitung lesen oder eine telefonische Auskunft einholen: Eine Hirnverletzung oder Erkrankung können bereits solche gewohnten Tätigkeiten beeinträchtigen.

Die Neuropsychologie befasst sich in erster Linie mit den Auswirkungen von organischen Schädigungen des Gehirns auf die mentale Leistungsfähigkeit. «Dazu gehören erstens kognitive Fähigkeiten wie Gedächtnis, Konzentration und Handlungsplanung. Zweitens geht es um emotionale Fähigkeiten. Und drittens befasst sich die Neuropsychologie mit sozialen Fähigkeiten wie dem Einfühlungsvermögen und Kontaktverhalten», erklärt lic. phil. Rahel Oertli, Fachpsychologin für Neuropsychologie FSP.

Die Einschränkungen sind den Betroffenen in der Regel nicht anzusehen; es sind «unsichtbare Behinderungen». In ihrer Arbeit im Schweizer Paraplegiker-Zentrum befasst sich Oertli vor allem mit querschnittgelähmten Patientinnen und Patienten, die durch ihren Unfall zusätzlich eine Kopfverletzung erlitten haben. Sie betreut aber auch Patienten, die im Spitallaltag als kognitiv beeinträchtigt auffallen, sowie ambulante Patienten nach einer Schädigung des Gehirns.

Diagnostik und Therapie

Die richtige Therapiewahl setzt eine umfassende neuropsychologische Diagnostik voraus. Diese beinhaltet das vorgängige Studium der Aktenlage und ein ausführliches Gespräch über die Lebenssituation und die mentalen, körperlichen und psychischen Beschwerden des Patienten.

Je nach Störungsbild ist auch eine Fremdanamnese beziehungsweise das Gespräch mit Familienangehörigen, Arbeitgebern und involvierten Fachpersonen nötig.

«Zentral ist die Durchführung sogenannter psychometrischer Verfahren, um die kognitiven Funktionsbereiche objektiv zu erfassen. Ebenfalls sehr wichtig ist die Verhaltensbeobachtung zur Beurteilung des Arbeits-, des sozialen und emotionalen Verhaltens, der zeitlichen mentalen Belastbarkeit und der Motivation», so die Fachpsychologin.

Die neuropsychologische Therapie zielt je nach Schweregrad der Beeinträchtigung darauf ab, entweder den beeinträchtigt Bereich direkt zu fördern, diesen mit intakten Fähigkeiten zu kompensieren oder externe Hilfsmittel einzusetzen.

Oertli erklärt: «Bei einer Gedächtnisstörung kann beispielsweise der Einsatz einer Agenda, eines Smartphones oder von Notizzetteln erarbeitet und in den persönlichen Alltag integriert werden. Gesprächssitzungen unterstützen die Krankheitsbewältigung und Anpassung an die veränderte Lebenssituation zusätzlich.»

Alltags-Reintegration als Ziel

Insbesondere Menschen, die eine organische Schädigung des Gehirns erlitten haben und als Folge in ihrem persönlichen, privaten oder beruflichen Alltag eingeschränkt sind, können von neuropsychologischen Interventionen profitieren. Auch die Beratung des nahen Umfelds von hirnverletzten Menschen ist ein wichtiger Bereich der Neuropsychologie.

«Ein besseres Verständnis für die ‹unsichtbaren Behinderungen› hilft den Betroffenen, sich in ihrem persönlichen und/oder beruflichen Umfeld optimaler zu integrieren», weiss Oertli.

Bei unfallbedingten Querschnittlähmungen mit Kopfverletzungen ist der Einbezug der Neuropsychologie indiziert, um eine bestmögliche Reintegration der Patienten in den privaten und beruflichen Alltag zu erreichen.

«Häufig müssen sich querschnittgelähmte Menschen aufgrund ihrer körperlichen Behinderung beruflich neu orientieren. Wenn daneben auch Folgen einer Hirnverletzung bestehen, ist es wichtig, ein differenziertes kognitives Leistungsprofil mit Ressourcen und Schwächen zur Evaluation der beruflichen Möglichkeiten zu erstellen und die berufliche Wiedereingliederung neuropsychologisch mitzubetreuen», erklärt Oertli.