Die Neurodermitisforschung läuft auf Hochtouren und bringt revolutionäre Behandlungsmöglichkeiten hervor. Herr Prof. Schmid, können Sie uns Genaueres darüber berichten?

In der Tat tut sich in der Neurodermitisforschung sehr viel und wir gewinnen neue Erkenntnisse über die Krankheitsentstehung. Dies hilft uns, gezieltere Therapien zu entwickeln. Wir nehmen heute an, dass die Neurodermitis ein Überbegriff ist und dass es verschiedene Sonderformen und Untertypen gibt. Auch immunologisch passiert nicht bei jedem Neurodermitispatienten dasselbe. Hier zeigen sich sogar kulturelle Unterschiede.

Das heisst, bei einem Asiaten gehen immunologisch andere Prozesse  vor sich als etwa bei einem Europäer. Gleichzeitig können auslösende Faktoren von Patient zu Patient variieren. Wir verstehen heute die Krankheit viel besser als vor ein paar Jahren.

Was weiss man über die Ursachen der Neurodermitis?

Neurodermitis ist eine multifaktorielle Erkrankung. Zu den Ursachen gehören einerseits die Vererbung sowie eine immunologische Fehlsteuerung. Alle Patienten haben ein Immunsystem, das schneller auf Reize reagiert. Andererseits zeigt sich bei den Betroffenen eine veränderte Hautbarriere.

Hinzu kommen Umweltfaktoren wie Allergien oder Ernährungsgewohnheiten.  Allerdings haben nicht alle Patienten Allergien, weswegen man die Neurodermitis nicht zu den rein allergischen Hauterkrankungen zählt. Auch psychische Faktoren und Stress können Neurodermitis-Schübe beeinflussen.

Sie haben erwähnt, dass die personalisierte Medizin auch in der Neurodermitisbehandlung eine zunehmend wichtige Rolle spielt. Welche neuen Medikamente stehen hier zur Verfügung?

Immunregulierende Medikamente wie Biologika revolutionieren aktuell die Behandlung bei der mittelschweren bis schweren Neurodermitis. Bislang wurden diese Patienten mit sogenannten Immunsuppressiva behandelt, die das Immunsystem unterdrücken.

Der Nachteil: Sie haben viele Nebenwirkungen und die Haut zeigt, trotz Behandlung, unschöne Veränderungen. Anders mit den Biologika: In Studien sind bei über 90 Prozent der Patienten sämtliche Symptome schon nach kurzer Zeit stark gebessert.

Gleichzeitig haben sie wenige Nebenwirkungen und werden sehr gut vertragen. Einziger Nachteil: Sie sind extrem teuer. Deswegen werden Biologika heute nur bei mittelschweren und schweren Formen eingesetzt. Wir möchten in Zukunft voraussehen, wer gut auf die Therapie anspricht, um Kosten und unnötige Behandlungen zu sparen. Die Medikamente müssen oft ein Leben lang eingenommen oder gespritzt werden.

Neurodermitis ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung, die in Schüben verläuft. Besteht Hoffnung, dass die Erkrankung irgendwann geheilt werden kann?

Nein, davon sind wir leider weit entfernt. Der Fokus liegt auf einer effizienten Behandlung. Unser Ziel ist es, die Symptome möglichst zu kontrollieren und symptomfreie Phasen zu stabilisieren. Allerdings suchen wir auch nach Ansätzen, um der Krankheit vorbeugen zu können, etwa durch gezielte Hautpflege- oder Ernährungsmassnahmen.

Neurodermitis zeigt ganz unterschiedliche Gesichter und der Verlauf ist nicht vorhersehbar. Kann die Krankheit positiv beeinflusst werden?

Auch daran wird aktuell geforscht. Sicher ist, dass die Nahrungsmittelzusammenstellung eine Rolle spielt. Allerdings wird man keine pauschalen Ernährungsempfehlungen abgeben können. Es scheint, dass sich eine breite Ernährung nach der Stillphase am günstigsten auswirkt.

Durch die Untersuchung etwa der Bakterienzusammensetzung auf der Haut und im Stuhl  können weitere Rückschlüsse gezogen werden und allenfalls deren gezielte Beeinflussung erreicht werden.

Etwa 10 bis 20 Prozent der Betroffenen haben eine schwere Neurodermitis. Wie wird die viel häufigere leichte bis mittelschwere Form behandelt?

Auch bei der schweren Form wird, trotz bald erhältlicher Biologika, weiterhin eine Standardtherapie nötig sein. Diese wird bei allen Formen eingesetzt und beinhaltet die Rückfettung der Haut. Damit kann ihre Schutzfunktion verbessert und auch der Juckreiz günstig beeinflusst werden.

Im zweiten Schritt werden entzündungshemmende Salben etwa mit Kortison auf der Haut angewendet. Es zeigt sich, dass eine Schulung und Beratung der Betroffenen positiv zu ihrem Krankheitsverlauf beiträgt. Zudem kann eine medizinische Phototherapie – basierend auf speziell abgestimmten UV-A und UV-B-Strahlen wirksam sein.

Was versteht man unter der proaktiven Behandlung?

Hierbei wird nicht nur der aktuelle Schub behandelt, sondern darüber hinaus. Ebenso empfehlen wir, schon bei den geringsten Symptomen mit der Behandlung zu beginnen und nicht abzuwarten, bis der Schub vollständig ausgebrochen ist. In der Summe braucht man damit weniger Medikamente.

Wichtig ist, dass der Patient aktiv mitarbeitet und sich mit seiner Erkrankung auseinandersetzt und auskennt.

Neurodermitis tritt besonders häufig bei Kindern auf. Besteht Hoffnung, dass sich diese wieder verliert?

Ja!  Am häufigsten tritt Neurodermitis im Kleinkindesalter von sechs Monaten bis vierjährig auf. Danach verlieren rund zwei Drittel der Kinder bis Schuleintritt die Neurodermitis. Bei rund einem Drittel bleibt sie bestehen oder tritt im jungen Erwachsenenalter wieder auf.

Bei den Erwachsenen sind rund fünf bis acht Prozent von Neurodermitis betroffen. Die Untersuchung der Kinder, bei denen die Neurodermitis abheilt, ist Bestandteil einer aktuellen Studie, die wir mit 4 anderen Zentren im Rahmen einer grossen Kohorte durchführen (Prorad-Studei, im Rahmen der CK-CARE-Stiftung).

Atopische Dermatitis, was ist das?

Die atopische Dermatitis ist eine Hauterkrankung. Sie wird auch als Neurodermitis bezeichnet. Der Begriff «Atopie» beschreibt die genetische Veranlagung, übermässig auf Stoffe aus der Umwelt zu reagieren. Menschen mit dieser Veranlagung haben ein höheres Risiko, eine atopische Dermatitis, aber auch einen allergischen Schnupfen oder Asthma sowie Nahrungsmittelallergien zu entwickeln. Mit «Dermatitis» bezeichnet man eine Entzündung der Haut, die als Ekzem sichtbar wird.

Ursache

Bekannt ist, dass ein Mangel, ein Ungleichgewicht oder eine Fehlfunktion den Aufbau der oberen Haut beeinträchtigt. In der Folge verdunstet vermehrt Wasser aus der Haut. Dadurch wird sie sehr trocken und durchlässig für Allergene, Mikroben und andere Stoffe aus der Umwelt, die Entzündungen auslösen können.

Symptome

Der Hautzustand verändert sich ständig und kann folgende typische Symptome aufweisen:

  • Trockene, sensible Haut
  • Juckreiz
  • Rötungen
  • Schuppende Haut
  • Nässende Hautstellen
  • Krustenbildung
  • Derbe Haut mit vergröbertem Relief
  • Knötchenbildung

Betroffene Stellen

  • Bei Säuglingen im Gesicht, am Oberkörper, an den Händen und an den Streckseiten der Arme und Beine;
  • Bei Kleinkindern vorwiegend in den Kniekehlen, in den Ellenbeugen, im Gesicht, im Nacken und am Hals;
  • Bei älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen werden zusätzlich Hand- und Fussekzeme beobachtet.

Häufigkeit 

In der Schweiz sind circa 20 Prozent der Kinder von atopischer Dermatitis betroffen. Bei den Erwachsenen geht man von 5 bis 8 Prozent aus. Die atopische Dermatitis kann in jedem Lebensalter zum ersten Mal auftreten. In 85 Prozent der Fälle treten die Symptome in den ersten fünf Lebensjahren auf.

Quelle: aha! Allergiezentrum Schweiz
Weitere Informationen unter: www.aha.ch