Kurzsichtigkeit, in der Wissenschaft auch Myopie genannt, bedeutet eine Schwäche des Auges. Kurzsichtige Menschen haben Schwierigkeiten, entfernte Dinge scharf zu erkennen. «Die Hauptursache für die Kurzsichtigkeit ist ein zu langes Auge», sagt PD Dr. med. Mathias Abegg, Leitender Arzt Orthoptik am Inselspital in Bern. «Dass ein Auge im Verlauf des Lebens wieder schrumpft, ist sehr unwahrscheinlich», ergänzt er.

Mit anderen Worten: Einmal kurzsichtig – immer kurzsichtig: Kurzsichtigkeit wird man im Laufe seines Lebens – im Gegensatz beispielsweise zu Akne nach der Pubertät – leider nicht mehr los.

Zwei Hauptursachen

Abegg schätzt, dass ein knappes Drittel der Kinder am Ende der Schulzeit kurzsichtig ist. Über die genauen Ursachen werde gegenwärtig intensiv geforscht. Zum einen spiele sicher der genetische Hintergrund eine massgebende Rolle.

«Kinder von kurzsichtigen Eltern haben ein deutlich erhöhtes Risiko, selber kurzsichtig zu werden», betont er. Ein wichtiger Punkt scheinen ferner Umweltfaktoren zu sein. Bei Kindern, die sich fast ausschliesslich in geschlossenen Räumen aufhalten, sei das Risiko einer Kurzsichtigkeit deutlich erhöht, hält der Augenarzt fest.

Kurzsichtigkeit sei zwar ein Risikofaktor für eine Reihe von Augenerkrankungen: Netzhautablösungen, degenerative Veränderungen der Netzhaut, Glaukom (grüner Star), Schielen und vieles andere komme bei Kurzsichtigen deutlich häufiger vor.

Innerhalb gewisser Grenzen und solange keine Komplikationen auftreten, bezeichnet er Kurzsichtigkeit jedoch als harmlos und «eher als Lifestyleproblem als ein medizinisches Problem».

Sehschwäche frühzeitig korrigieren

Dennoch sollte eine Sehschwäche frühzeitig angegangen werden. «Vor allem bei kleinen Kindern kann eine nicht korrigierte Fehlsichtigkeit zu einer Sehschwäche führen, die sich später mit einer Brille nicht mehr korrigieren lässt», macht er klar.

Korrigiert würde die Fehlsichtigkeit bei Kindern in der Regel mit einer Brille. Es gebe aber auch Situationen, bei denen Kontaktlinsen sinnvoller seien, etwa bei grossen Unterschieden in der Sehschärfe der beiden Augen oder bei einer unregelmässig gekrümmten Hornhaut.

Und zudem: «Während bei kleinen Kindern Kontaktlinsen nur aus einer medizinischen Notwendigkeit heraus gemacht werden, darf man bei älteren Kindern Kontaktlinsen auch aus anderen Gründen verwenden, zum Beispiel beim Sport.»

Chirurgische Verfahren und andere Methoden der Sehkorrektur wie Lasern erachtet der Arzt bei Kindern nur in seltenen Ausnahmefällen als sinnvoll. Zurückhaltend mit chirurgischen Massnahmen sei man deshalb, weil das Auge eines Kindes noch wachse, wenn – im Vergleich zum Körperwachstum – auch nur in einem sehr bescheidenen Ausmass.

Was übrigens nichts fruchte, sei Augentraining, auch wenn das in gewissen Kreisen teilweise immer wieder behauptet werde. «Eine Kurzsichtigkeit kann nicht wegtrainiert werden.»

Niedrig dosierte Atropin-Augentropfen

Neben der Korrektur der Fehlsichtigkeit mit Hilfsmitteln stelle sich zunehmend die Frage nach sinnvollen Massnahmen zur Entschärfung des Problems. Was helfe, seien regelmässige Aufenthalte draussen bei Tageslicht. Empfohlen werde, circa eine Stunde pro Tag im Freien zu verbringen.

Seit einigen Jahren gebe es zudem die Möglichkeit, das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit auf therapeutischem Weg zu verlangsamen oder gar zu stoppen. «Als zuverlässigstes Mittel in dieser Hinsicht hat sich die Anwendung von stark verdünnten Atropin-Augentropfen erwiesen», sagt der Augenarzt. Die Tropfen sollten während einiger Jahre einmal täglich eingenommen werden.

Neben den erwähnten Tropfen würden auch spezielle Typen von Kontaktlinsen eine gewisse Wirkung gegen das Fortschreiten von Kurzsichtigkeit zeigen. «Die Anpassung solcher Speziallinsen ist aber sehr aufwendig und wird nicht überall angeboten.»

Und noch ein Tipp zum Schluss: Zumindest bei der ersten Brille sollte nach Meinung von Abegg immer ein Augenarzt konsultiert werden. Denn Kurzsichtigkeit könne auch im Kindesalter Symptom einer zugrunde liegenden Augenerkrankung sein.