Herr Tschui, mit welcher Art von Patienten haben Sie es in der orthopädischen und handchirurgischen Rehabilitation am häufigsten zu tun?

Wir behandeln vor allem Unfall-Patienten mit Verletzungen am Bewegungsapparat. Meist sind es eher jüngere Menschen: sehr viele Töfffahrer und andere Verkehrs-Opfer.

Aber auch zahlreiche Vertreter gefährlicher Sportarten sind in der Rehabilitation, zum Beispiel Gleitschirmflieger und Biker. Seit einigen Jahren verletzen sich immer mehr Menschen in der Freizeit.

Wieso ist das der Fall?

Anscheinend hat die Risikobereitschaft in der Freizeit zugenommen, während die schweren Arbeitsunfälle zurückgingen. Einen Teil haben die Präventionsmassnahmen dazu beigetragen.

Nach wie vor behandeln wir aber auch Bauarbeiter, denen zum Beispiel eine Walze über den Fuss gerollt ist oder die gestürzt sind.

Bellikon ist spezialisiert auf die Rehabilitation von Amputierten und verfügt über eine eigene orthopädische Werkstatt. Was für Prothesen werden da angefertigt?

Das sind alles Einzelanfertigungen für die Extremitäten: Beinprothesen bei Amputationen auf verschiedenen Höhen. Die grössten Beinprothesen ersetzen das ganze Bein und einen Teil des Beckens.

Dann Hand- und Armprothesen funktioneller und ästhetischer Art. Finger- und Teilhandprothesen müssen oft höchsten kosmetischen Ansprüchen genügen.

Wie unterscheiden sich funktionelle von ästhetischen Prothesen?

Mit einer funktionellen Handprothese kann man greifen. Sie wird über Muskelimpulse am Amputationsstumpf gesteuert – das muss gelernt sein. Wegen ihrer Automatik sind diese Prothesen schwerer und sehen auch weniger natürlich aus als rein ästhetische.

Für die Alltagstätigkeiten sind die funktionellen Prothesen hilfreich und für einen Teil der Arbeitsgänge kommt man auch mit einer Hand zurecht. In der Freizeit bevorzugen viele Betroffene jedoch eine leichtere, ästhetische Prothese.

Für Gesunde ist das unvorstellbar: Sich einhändig ankleiden, eine Zwiebel schneiden…

Dafür gibt es viele Hilfsmittel, die im Alltag ebenso gut funktionieren wie eine Prothese. Eine Zwiebel kann man zum Beispiel auf einem Nagelbrett feststecken, anstatt sie festzuhalten. Unsere Ergotherapeuten kennen da viele Tipps und können den Patienten beim Erlernen von Alltagstätigkeiten helfen.

Was für Fortschritte wurden in den letzten Jahren bei der Prothetik erzielt?

Bei den Handprothesen gibt es neuerdings solche, mit denen man alle fünf Finger bewegen kann. Damit kann man zum Beispiel einen Ball umfassen. Bisher war nur ein Pinzettengriff möglich, bei dem sich Daumen und Zeigfinger öffnen und schliessen.

Und bei den Beinprothesen?

Das elektronische Kniegelenk gibt es bereits etwa 15 Jahre, aber es wird ständig verbessert. Es ist mit einem Mikrochip ausgestattet, der zwischen Stand- und Schwungphase unterscheidet.

Wenn man auf dem Bein steht, wird das Knie fixiert, wenn man das Bein anhebt, wird die Fixierung gelöst und der Unterschenkel kann frei schwingen.

Mit einem solchen Kniegelenk ist ziemlich natürliches Gehen oder auch Rennen über kurze Distanzen möglich. Beim Hinsetzen bremst das Knie ab, damit man nicht auf den Stuhl plumpst. Mit den neueren Modellen kann man sogar normal treppensteigen oder rückwärts gehen.

Wie gehen Verletzte damit um, dass sie von einem Tag auf den anderen einen Körperteil verloren haben?

Sehr unterschiedlich. Einige verarbeiten den Verlust nach einer Trauerphase gut. An­dere können ihr Schicksal nicht akzeptieren und bleiben in den Schmerzen und der Behinderung gefangen.

Erschwerend ist, wenn zum Verlust eines Körperteils eine Hirnver­letzung hinzukommt. Dann arbeiten wir mit Neurologen und Neuropsychologen zusammen.

Was für eine Rolle spielt die berufliche Eingliederung im Reha-Prozess?

Sie ist sehr wichtig. Nach einer Amputation oder anderen schweren Unfallfolgen ist ist oft eine berufliche Neuorientierung notwendig. Patienten müssen Bewegungen und Arbeitsabläufe wieder trainieren.

Häufig sind aber auch Umschulungen nötig. In Zusammenarbeit mit den Case Managern der Suva kommen wir so früh wie möglich auf die berufliche Zukunft zu sprechen.

Denn oft sind Patienten erst dann in der Lage, auf der körperlichen Ebene Fortschritte zu machen, wenn sie eine berufliche Perspektive haben.

Wie kulant sind die Versicherungen bei der Finanzierung von Reha-Leistungen?

Bei unserer Patientengruppe haben wir nur selten das Problem, dass die Versicherungen nicht zahlen wollen. Die meisten sind abgesehen von ihrer Verletzung noch mobil und stehen mitten im Leben.

Meist ist die Suva oder eine andere Unfallversicherung zuständig. Diese sind sehr interessiert daran, dass die Betroffenen ins Berufsleben und in ihr soziales Umfeld zurückfinden, weil sie sonst lebenslänglich für Renten aufkommen müssen.