Die Chirurgie hat in den letzten Jahrzehnten eine gewaltige Entwicklung erlebt. Immer mehr ist möglich und dies mit minimal invasiven Methoden und weniger Schmerz. Die Kehrseite: Es wird immer öfter operiert. Gegensteuer zu diesem Trend gibt die nicht-operative Orthopädie.

Glauben Sie, dass zu viel oder zu leichtfertig operiert wird?

Leichtfertig würde ich nicht sagen, aber zu viel schon: Die nicht-operative Orthopädie geriet in den letzten Jahrzehnten ins Hintertreffen. Chirurgen arbeiten meist an Spitälern, die auf Operationen spezialisiert sind und damit auch Geld verdienen. Da sind Operationen schon rein betriebswirtschaftlich die Methode der Wahl.

Was spricht dagegen?

Eine OP ist immer ein Eingriff mit Risiken. Das Hauptproblem ist:  Oft wird die  Struktur umgebaut, aber nicht die Fehlbelastung  beseitigt.

Will heissen?

Wenn der Meniskus schmerzt, wird er teilweise entfernt. Wenn ein  Hallux valgus entsteht, wird der Knochen begradigt, aber es wird nicht gefragt, wie es zum Problem kam. Das ist Symptombekämpfung, nicht Ursachenbeseitigung.

Mit welchen Methoden finden Sie die Ursache?

Der Patient wird von Kopf bis Fuss untersucht, seine Haltungs- und Bewegungsmuster werden analysiert. Im Körper hängt ja alles wortwörtlich zusammen und die Ursache des Schmerzes ist oft nicht dort, wo es weh tut.

Ein konkretes Beispiel bitte.

Wenn das Bein im Hüftgelenk zu sehr nach innen dreht, kommt es so zum Knickfuss mit Fehlbelastung des Fusses und eben zum Hallux valgus.

Beispiel 2: Bei der Kalkschulter ist das Schultergelenk bei den Armbewegungen nicht zentriert, der Oberarmkopf steht zu hoch. Wird die Funktion korrigiert, verschwindet der Kalk oft von alleine. Beispiel 3: Bandscheibenvorfälle sind oft die Folge von mangelnder Beweglichkeit der Brustwirbelsäule. Gute Therapie setzt immer bei der Ursache an.

Also täglich turnen?

Nein, Sie müssen ja auch nicht Ihrer Lebtage Fahrunterricht nehmen, wenn Sie autofahren wollen. Sie lernen es, und ­können es dann. Wer eine Stunde täglich trainiert, bleibt 23 Stunden untrainiert. Wir lernen den Menschen korrekte, gesunde Bewegung im Alltag. Umlernen und immer anwenden ist das Geheimnis.

Für wen eignet sich das? Für wen nicht?

Es gibt drei Gruppen: Gruppe eins sind Patienten, die nicht operiert werden können, weil sie eine Kontraindikation haben. Das kann ein Herzfehler sein, Diabetes oder Menschen, die eine OP strikte ablehnen.

Die sind sehr motiviert. Gruppe zwei sucht eine Zweitmeinung vor einer geplanten Operation, weil sie nur dann operieren wollen, wenn alle anderen Methoden ausgeschöpft sind.

Das sind die idealen Patienten, weil sie bereit sind, selber Verantwortung zu übernehmen. Die dritte Gruppe eignet sich weniger: Das sind Patienten, die sich nicht in das medizinische Thema einmischen möchten. Sie lassen sich gerne behandeln, möchten aber nicht selber aktiv werden.

Wo sind die Grenzen der nicht-operativen Orthopädie

Wenn der Schmerz zu stark ist, zum Beispiel bei Hüftarthrose, ist die Operation ein Segen. Zunächst aber wird therapiert, damit das Hüftgelenk richtig belastet und ein Kunstgelenksersatz hinausgezögert werden kann. In vielen Fällen rate auch ich zur Operation.

Salopp gesagt: Die nicht-operative Orthopädie arbeitet je früher desto präventiver, je später desto therapeutischer und je noch später desto operativer.

Wie kann man sich vor ­ver­frühten oder überflüssigen ­Operationen schützen?

Die Frage an den Arzt lautet. Würden Sie sich in meinem Fall unters Messer legen? ­Die Frage an sich selbst lautet: Bin ich bereit, Neues dazuzulernen und ­meine ­Bewegung zu verändern? Wenn ein Ja kommt, ist eine Second Opinion das Richti­ge. Die Frage beim Einholen einer Zweitmeinung lautet: Gibt es eine Alternative?

Aber raten denn nicht die meisten Orthopäden berufshalber zur OP?

Gute Orthopäden, ob operativ oder konser­vativ tätig,  sind differenzierte Patientenberater. Skeptisch kann man werden, wenn sie nicht genau zuhören, nicht gründlich untersuchen und anderseits nicht-operative Methoden oder Zweitmeinungen  ablehnen. Ein guter Arzt ist immer offen für die ­Meinung ­eines Kollegen.