Ein kleines Knacken und schon wieder ist ein vorderes Kreuzband gerissen – eines von 7'000 jährlich in der Schweiz. Insbesondere bei Sportarten wie Tennis, Fussball oder beim Skifahren ist das Risiko sehr hoch.

Da die Muskulatur diesen Drehbewegungen nicht entgegenwirken kann, reisst das vordere Kreuzband durch den massiven Hebelmechanismus. Doch nicht nur heftige Kollisionen oder schwere Stürze können diese Verletzung verursachen, riskant sind auch langsame Dreh- und Beugebewegungen im Stehen, bei denen der Fuss fixiert ist.

Zwei statt ein Bündel

Das Knie ist kompliziert aufgebaut. Ober- sowie Unterschenkel werden von den Kreuz- und Seitenbändern verbunden und stabilisiert und durch Muskeln sowie Sehnen zusätzlich dynamisch gehalten und bewegt. Der Innen- und Aussenminiskus, die zwischen den beiden Knochen liegen, dienen der Federung.

Die enorme Stabilität verdankt das Knie allerdings dem vorderen und hinteren Kreuzband, die im Gelenkzentrum verlaufen und sich dabei kreuzen. Jedem der Kreuzbänder kommt dabei eine Doppelrolle zu, da es sowohl von vorne nach hinten als auch in der Rotationsbewegung stabilisiert.

Dies gelingt, da jedes der Kreuzbänder aus zwei Bündeln besteht, die diese Aufgabe zu verschiedenen Gelenkpositionen übernimmt. Bis vor wenigen Jahren kam bei Kreuzbandrissen stets die Einbündeltechnik zur Anwendung.

Nach einer Verletzung wurde das Kreuzband durch ein Bündel ersetzt, das fortan die Funktion beider Bündel übernehmen musste. Die Folge: Manchmal fühlten sich Patienten noch Monate nach der Operation in einer Bewegungsrichtung instabil, wie Kniespezialist Philip Schöttle, orthopädischer Chirurg.

In zehn Jahren etabliert

Bereits im 19. Jahrhundert haben die Gebrüder Weber aus Göttingen herausgefunden, dass das vordere Kreuzband aus zwei Bündeln besteht. Während das eine Bündel in der Streckung unter Spannung steht und von vorne nach hinten stabilisiert, spannt sich das andere Bündel bei der Beugung des Knies an und hilft bei der Rotation.

Dieses Zusammenspiel gewährleistet die Stabilität des Gelenks in mehreren Richtungen in jeder Position. Obwohl dieses Wissen nicht neu ist, haben erst zur Jahrtausendwende erste Ärzte das vordere Kreuzband in einer Doppelbündeltechnik rekonstruiert. Seitdem setzt sich dieses Verfahren auch in der Schweiz durch.

«Bis in zehn Jahren wird sich die Doppelbündeltechnik als Rekonstruktionsmöglichkeit komplett etabliert haben«, ist sich Schöttle sicher. Die beiden Bündel werden nicht parallel zueinander, sondern wie in einem unverletzten Knie übers Kreuz als zwei separate Bündel eingesetzt. Dies bedeutet eine Kniestabilität in allen Kniepositionen.

Bereits zwei Wochen nach dem Eingriff können die Patienten die Krücken in die Ecke stellen. Nach sechs Wochen ist Joggen, Schwimmen, Biken oder Krafttraining möglich. Nach sechs bis acht Monaten ist Spitzensport erlaubt.

Instabilität ist keine Lösung

Messbar ist der Unterschied zwischen Einbündel- und Zweibündeltechnik bislang noch nicht. «Dafür wird die Zweibündeltechnik noch nicht lange genug angewendet», begründet Schöttle.

Dennoch empfehle er seinen Patienten stets die Zweibündeltechnik: «Die Anatomie wird dadurch weitgehend rekonstruiert, was in jedem Fall eine sinnvolle Variante ist.» Während die Patienten bei der Einbündeltechnik gewisse Einbussen an Stabilität erwarten könnten, sorgt die Zweibündeltechnik von Anfang an für mehr Stabilität bei jeder Bewegung.

Und das ist enorm wichtig, weiss Schöttle: «Jedes Gelenk, das nicht stabil ist, hat ein grösseres Risiko Folgeschäden zu erleiden. Ein instabiles Knie, ist deshalb schlicht keine Option.»