Herr Dr. Dieterle, Angina Pectoris, wie kommt es dazu?
Angina Pectoris bedeutet aus dem Lateinischen übersetzt «Enge der Brust» und entsteht dadurch, dass der Herzmuskel nicht ausreichend mit Blut versorgt wird. In aller Regel passiert dies aufgrun d einer verengten Stelle in den Herzgefässen. Ursache können Gefäss- ablagerungen, sogenannten Plaques oder auch Blutgerinnsel sein, welche sich in den Koronararterien bilden.
Dadurch wird das Blutgefäss verengt und die Durchblutung vermindert.

Worauf weist eine Angina Pectoris hin?
Eine Angina Pectoris kann ein Vorbote eines Herzinfarkts sein. Sicher ist das Auftreten dieser Beschwerden ein Zeichen dafür, dass nicht mehr genug Blut und damit Sauerstoff im Herzmuskel ankommt.

Woran erkennt ein Patient eine Angina Pectoris?
In der Regel spürt er eine Angina Pectoris unter Belastung. Der Herzmuskel braucht durch die Anstrengung mehr Sauerstoff. Aufgrund einer vorhin beschriebenen Verengung in den Herzkranzgefässen kann jedoch nicht genug herangeschafft werden. Dies
äussert sich in einem Druck, Brennen oder  Schmerzen, meistens hinter dem Brustbein mit Ausstrahlung in Arm, Hals, Oberbauch oder  Rücken.

Angina-Pectoris-Symptome sind also nicht wesentlich anders als bei einem Herzinfarkt?
Es gibt einen wichtigen Unterschied. Bei der Angina Pectoris verschwinden die Symptome in Ruhe wieder, während beim Infarkt die Beschwerden bleiben.

Verläuft die Angina Pectoris immer nach demselben Muster?
Nein, in der Medizin unterscheiden wir zwischen stabiler und instabiler Angina Pectoris. Die stabile Angina Pectoris tritt immer in der gleichen Situation auf, bei der gleichen Belastung. Die instabile Angina Pectoris tritt hingegen zunehmend häufiger auf und zunehmend auch bei leichterer Belastung.

Was kann ein Patient machen?
Wenn ein Patient typische Angina-Pectoris-Symptome verspürt, sollte er auf jeden Fall seinen Hausarzt aufsuchen und das mit ihm besprechen. Falls eine Angina Pectoris jedoch in Ruhe auftritt und über mehrere Minuten anhält, lohnt es sich, nicht erst den Hausarzt zu kontaktieren. Der Patient sollte direkt die Sanität rufen und in ein grösseres Spital gehen. Solche Symptome können auch auf einen akuten Herzinfarkt hinweisen.  

Welche therapeutischen Möglichkeiten hat der Hausarzt?
Der praktizierende Arzt wird sich zunächst versichern, ob es sich tatsächlich um eine Angina Pectoris handelt und eine Durchblutungsstörung vorliegt. Dazu gibt es verschiedene Methoden wie beispielsweise einen Belastungstest auf dem Fahrrad mit Aufzeichnung des EKGs. Sofern sich der Verdacht bestätigt, bekommt der Patient als Basistherapie Aspirin, Medikamente, z.B. Beta-Blocker, Calcium-Antagonisten, Nitropräparate oder Ivabradin, welche das Herz vor zu hohem Sauerstoffverbrauch schützen oder die Durchblutung verbessern sowie cholesterinsenkende Präparate.

Können die Angina-Pectoris-Anfälle hierdurch verhindert respektive reduziert werden?
Die erwähnten Medikamente zielen natürlich darauf hin, diese Beschwerden zu reduzieren. Es gibt aber Fälle, in denen diese Medikamente allein nicht zum Ziel führen. Heute können wir Ranolazin dazugeben. Es ist der neuste Zuwachs in der Familie der Medikamente bei stabiler Angina Pectoris. Es verbessert den Blutfluss ohne wesentlichen Einfluss auf Herzfrequenz und Blutdruck und vermindert so die Symptomatik.  

Stent oder Bypass-Chirurgie als goldener Standard?
Patienten mit stabiler Angina Pectoris, aber hohem Risiko sollte eine Herzkatheter-Untersuchung empfohlen werden, um die Optionen Stent oder Bypass-Chirurgie abzuklären. Bei Patienten mit niedrigem oder nur mässig erhöhtem Risiko kann zunächst eine medikamentöse Therapie eingesetzt werden, um die Symptome in den Griff zu bekommen. Es ist aber auch so, dass sich gerade ältere Patienten keiner Herzkatheteruntersuchung oder einer eventuellen Operation unterziehen wollen. Auch hier wird dann primär eine medikamentöse Therapie eingesetzt.