«Viele von uns sind schon einem Autisten begegnet», sagt Elwira Wolgensinger, „ohne es zu bemerken.“ Auf 100 Einwohner der Schweiz kommt schätzungsweise ein Autist. Die Psychotherapeutin ist oft dabei, wenn Eltern zum ersten Mal erfahren, dass ihr Kind an dieser tiefgreifenden Entwicklungsstörung leidet.

Wenn Eltern die Beratungsstelle der Stiftung Kind & Autismus aufsuchen, weil etwas mit ihrem Kind nicht stimmt. Weil es auf die Mitmenschen kaum reagiert. Sich mehr für Dinge interessiert. Sich tagelang auf ein einziges Spielzeug fokussiert. Kurz: Weil es Vater und Mutter nicht zu brauchen scheint.

Mein Kind ist autistisch!

Ein Schock für die Eltern, wenn feststeht, ihr Kind leidet an der Autismus-Spektrum-Störung. Doch so allein gelassen, wie sich Betroffene noch vor 20 Jahren gefühlt haben, sind sie heute nicht mehr. Autismus wurde seither stark thematisiert. 2'000 Mitglieder betreiben den Verband Autismus Schweiz, der einem beim Neuanfang zur Seite steht. 1988 sensibilisierte der Film 'Rain Man'.

Mit dem Resultat, dass Autismus zwar bekannt wurde, das Publikum aber auch glauben machte, Autisten besässen eine 'Insel-Begabung', ein besonderes Talent. Was dann oft die Frage aufbringt: «Was kann Ihr Kind denn Spezielles?» Auch wird Autismus heute nicht mehr als Krankheit oder Psychose bezeichnet.

Obwohl die Aufklärung in der Schweiz hoch ist, stehen Eltern in der Öffentlichkeit unter hohem Druck. Denn dem Kind, das sich sonderbar benimmt, ist die Störung nicht anzusehen. Zufällige Zuschauer gehen davon aus, dass die Erziehung dieser Eltern versagt.

Manche Betroffene tragen Visitenkarten auf sich: Mein Kind ist autistisch. Wolgensinger rät: «Diese Eltern sollten sich um den Rest der Welt nicht auch noch zu kümmern brauchen – sie haben mit ihrem Kind schon genug zu tun.» Umso wichtiger ist der Stiftung, die Gesellschaft weiter zu sensibilisieren.

Fixierung als Vorteil?

«Die üblichen Therapieangebote werden zwar von der öffentllichen Hand finanziert, doch alle spezifischen Unterstützungsprogramme, die es den Eltern ermöglichen würden, ihr Kind besser zu verstehen, um wieder Eltern sein zu können», wie Wolgensinger sagt, «müssen selbst finanziert werden.» Dennoch: Vor 20 Jahren war da gar nichts. Viel hat sich getan.

Für Elwira Wolgensinger noch nicht genug. Sie sieht Handlungsbedarf im Bildungssystem. «Pädagogen müssen die Chancengleichheit realisieren.» Nur durch die Ausbildung werde möglich, dass die erwachsenen Autisten eine Arbeitsmöglichkeit finden. «Viele sind extrem verlässlich und ehrlich, und strategische Manöver im sozialen Bereich sind ihnen völlig fremd.»

Was für die Familie anspruchsvoll ist – die totale Fixierung auf eine Sache –, kann als Berufsmöglichkeit ein Vorteil sein. Nicht zufällig sind arbeitstätige Autisten oft in der Informatik beschäftigt. «So liessen sich Autisten noch besser in die Gesellschaft integrieren – als Werktätige, die ihren eigenen Lebensunterhalt bestreiten können.»

Ihr Wunsch erfüllt sich bereits: Die Fachstellen unterhalten eine neue Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Die Vermittlung von Arbeitsplätzen speziell für Autisten hat begonnen.