Wer kennt nicht das eigenartige Gefühl, eine Situation schon einmal erlebt zu haben oder eine fremde Person zu kennen –  in der Gewissheit, dass das nicht möglich ist?

Auf Deutsch heisst der Begriff «Déjà-vu» schlicht: schon mal gesehen. Und 50 bis 90 Prozent aller Menschen kennen das Phänom en aus eigener Erfahrung.

Im Schnitt kommt es etwa einmal im Jahr vor und dauert höchstens wenige Sekunden. Psychologen fanden auch heraus, dass die Häufigkeit von Déjà-vu-Erlebnissen mit der Schulbildung, mit dem Einkommen und mit der Mobilität steigt – je mehr jemand unterwegs ist, desto mehr Bilder hat er in seinem Kopf. Um die genauen Ursachen dieses Phänomens ranken sich aber auch heute noch zahlreiche Theorien.

Paranormal oder neurologisch erklärbar?

Den Wissenschaftlern ist es in den letzten hundert Jahren Forschung nicht gelungen, das Geheimnis endgültig zu lüften. Ein Grund hierfür mag sein, dass das  Phänomen immer subjektiv wahrgenommen wird und teils ins Paranormale abrutscht. So betrachtete Sigmund Freud Déjà-vus als Spiegel frühkindlicher Erinnerungen und Traumata.

Möglicherweise blitzt ein Déjà-vu auf, wenn eine Teilinformation verspätet ihr Ziel erreicht. So mag der Eindruck entstehen, die Information sei bereits bekannt, irgendwie aber auch nicht

Esoteriker vermuten dahinter Erinnerungen an ein früheres Leben. Neurologen glauben an eine Fehlschaltung im Gehirn, bei der Informationen falsch verarbeitet werden. Aber selbst unter den Neurologen gibt es mehrere Thesen hierzu.

Eine davon wird von einem der bekanntesten Forscher auf diesem Gebiet, dem amerikanischen Professor Alan Brown, vertreten und lautet: Bei einem Déjà-vu erinnern wir uns an eine tatsächliche Wahrnehmung, die in der Kindheit gespeichert und wieder vergessen wurde oder Bruchteile von Sekunden vorher im Kurzzeitgedächtnis abgelagert wurde – unbewusst.

Ein Beispiel: Man sitzt in einem Café und liest, blickt kurz auf – eine Frau geht vorbei. Der Moment ist zu kurz, um die Frau bewusst wahrzunehmen. Wenige Minuten später aber  sitzt man der Frau im Zug  gegenüber und erlebt ein Déjà-vu. Unbewusst hat unser Gehirn das Bild der Frau verarbeitet.

Teilinformationen werden ­Ganzes

Es mag ein natürlicher Schutz für unser Bewusstsein sein, dass man gewisse Erlebnisse und Informationen ausblendet. Tatsächlich nehmen wir ständig viel mehr Eindrücke wahr, als bewusst werden.

Das Gehirn entscheidet, welche Informationen unsere Aufmerksamkeit verdienen. Schuld an den Filmrissen könnte die Art sein, wie unser Gehirn Informationen speichert, denn ein Eindruck aus der Aussenwelt nimmt unterschiedliche Wege durchs Gehirn. Erst in den hierarchisch höheren Hirnzentren werden die Teilinformationen zu einem Ganzen zusammengesetzt.

Möglicherweise blitzt ein Déjà-vu auf, wenn eine Teilinformation verspätet ihr Ziel erreicht. So mag der Eindruck entstehen, die Information sei bereits bekannt, irgendwie aber auch nicht. Ebenso wenig ist manchmal auf die Erinnerung Verlass. Sie kann jemanden in die Irre führen und dem Bewusstsein sogar eine Fiktion als Realität vorgaukeln.

Das heisst: Manchmal spiegelt ein Déjà-vu die Fantasie wider. Einen Unterschied gibt es aber: Das Selbsterlebte ist an ein unverwechselbares Gefühl gekoppelt. Daneben können aber auch bestimmte Medikamente Auslöser für Déjà-vus sein.

Einige Neurowissenschaftler vermuten ohnehin, dass auch ohne Medikamente während eines Déjà-vus die Chemie im Gehirn verrückt spielt und Funktionen im Gehirn kurzzeitig gestört sind. Beispielsweise weil jemand müde ist oder der Stoffwechsel im Hirn gerade nicht richtig abläuft. Und schon taucht es wieder auf: das irrige Gefühl, etwas schon mal erlebt zu haben.