Die Aktion Zahnfreundlich weist seit 1962 auf die orale Prävention in der Schweiz hin. Erreicht wurden 96 Prozent Kariesreduktion bei Jugendlichen hauptsächlich durch die Fluorid-Prophylaxe, die Entfernung von Speiseresten und dank der Einschränkung des Zuckerkonsums.

Dass die Ernährung einen grossen Einfluss hat, zeigten auch Analysen nach der Sendung SRF-Aktuell: Leben wie in der Steinzeit.  Blutendes Zahnfleisch bei den Teilnehmern verschwand! Die Menschen unserer Zeit aber zeigen häufig chronische Entzündungen. Diese führen am Zahnfleisch zu Parodontitis.

Die deutschen Krankenversicherungen bekennen im 2014: Wir haben die Parodontitis nicht im Griff. In der Schweiz ist diese Erkrankung nicht versichert, aber auch hier sind ca. 50 Prozent der Erwachsenen davon betroffen. Alle vier Schweizer Universitäten bezeugen, dass man die Erkrankung verhindern könnte.

In Deutschland heisst es ganz offen: Wir bilden Zahnärzte in Ermangelung an Zeit, Geld und anderer Limitationen nur zu 6 Prozent in Parodontologie aus (Eickholz, Parodontologie, 25. 3. 2014)! Auch in der Schweiz musste das Ausbildungskonzept der Zahnmediziner unter dem Diktat von Bologna massiv reduziert werden. Die heutige Ausbildung taugt bestimmt zur Entfernung von Speiseresten, aber kaum zur professionellen Plaque-& Zahnsteinentfernung,  geschweige denn zur Verhütung einer Parodontitis.

Parodontitis

Sie ist eine komplexe, multifaktorielle entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparates (Parodontium). Die immun-entzündliche Reaktion resultiert in der Destruktion des Bindegewebes und des Alveolarknochens, was zum Verlust der Zähne führen kann. In den letzten Jahren mehren sich Hinweise, dass parodontale Infektionen nicht nur von systemischen Faktoren beeinflusst werden, sondern auch selbst Auswirkungen auf Diabetes, Atherosklerose, Lungen- und Darmerkrankungen haben.

Diese Erkrankungen sind in Anwesenheit bakterieller Biofilme, welche sich in den «vereinten Höhlen» (Augen, Kiefer, Nase, Mund) sowie in Lunge, Rachen und Speiseröhre fast ungehindert aufhalten, kaum zu beeinflussen. Rasch sich wiederholende Rückfälle sind die Folge. International geht die Entwicklung der Zahnmedizin zu einer ganzheitlicheren, interdisziplinär vernetzten Medizin, um die durch das Altern komplexer werdenden Anforderungen bewältigen zu können.

Die Zahnmedizin wäre in der Lage, mit in drei Jahren ausgebildeten Dentalhygienikerinnen die Parodontitis unter Kontrolle zu bringen. Dazu fehlt es aber an Ausbildungsplätzen und dem Willen, dieses Konzept umzusetzen. Für einen Zahnarzt ist der ökonomische Anreiz, Patienten mit Parondontitis-Folgeschäden zu therapieren, naturgemäss grösser als sich mit einfachen Mitteln für orale Gesundheit einzusetzen.

Hygiene

Neuere Ansätze zur Optimierung der Hygiene beziehen auch technische Hilfsmittel ein, zum Beispiel hydrodynamische Schallzahnbürsten. Die Reinigung ist gut und schonend, was sich dadurch zeigt, dass die Zahnborsten sechs bis acht Monate halten. Deren Effizienz auf bakterielle Biofilme wird  u.a. zur Zeit auch an der ETH in Zürich untersucht und zeigt erstaunlich gute Resultate.

Doch ist nicht alles, was unter «Schall» auf den Markt kommt, auch wirklich tauglich. Sogar Schweizer Produkte erweisen sich eher als Rauch denn als Schall. Auch gegen übermässigen Zahnsubstanzverlust sind neuere Entwicklungen im Gang. So ist seit kurzem eine Diamantzahnpaste auf dem Markt, die nur einen Bruchteil der üblichen Dentinabrasion verursacht, und so empfindliche Zahnhälse schont.

Mundwasser haben auch langfristig gute Einflüsse – ausser,  wenn diese nur zum Zweck der Verbesserung des Mundgeruchs angewendet werden. Die Langlebigkeit von Zahnimplantaten könnte mit den aufgezeigten Massnahmen  zur Prävention oraler Biofilme ebenso verbessert werden wie die Verhütung von Karies.

Die bisherigen Modelle von Zahnversicherungen sind – wie das Beispiel in Deutschland klar dokumentiert. Das eigenverantwortliche Modell Schweiz, das durch die SSO vertreten wird, ist eindeutig erfolgreicher, allerdings braucht es eine bestimmte Ausbildung und Intelligenz dazu.

Weniger gut Ausgebildete und sozial Benachteiligte sind offensichtlich deutlich weniger gut in der Lage, die richtigen Mittel für erfolgreiche orale Prävention einzusetzen. Hier müsste dieser Gruppe vermehrt Hilfe angeboten werden.