Lärm hat viele Facetten. Doch eines steht fest: Eine dauerhafte Beschallung, sei es am Arbeitsplatz oder in der Freizeit, kann das Gehör nachweislich schädigen. Während an lauten Arbeitsplätzen ein entsprechender Gehörschutz mittlerweile selbstverständlich ist, sieht das in der Freizeit meist noch ganz anders aus.

Das Gehör wird etwa bei Club- oder Konzertbesuchen durch eine Musikbeschallung mit hundert oder mehr Dezibel nachweislich gefährdet. Die Folge: Ein Tinnitus kann entstehen.

Es klingelt in den Ohren

Der Name Tinnitus leitet sich vom lateinischen Verb «tinnire» ab, was so viel wie «klingeln» bedeutet. «Tinnitus bezeichnet alle Arten von Ohr- oder Kopfgeräuschen ohne äussere Schallquelle», erklärt PD Dr. med. Dr. h. c. Andreas Schapowal.

2 bis 6 Prozent der Kinder (je nach Altersgruppe) und 15 Prozent der Erwachsenen leiden unter einem Tinnitus

«Tinnitus ist eine Wahrnehmung, die nicht im Ohr, sondern im Gehirn generiert wird und mit einer persönlichen Bewertung verbunden ist.»

In den ersten drei Monaten nach Auftreten ist ein Tinnitus akut, von drei bis zwölf Monaten subakut und ab einem Jahr chronisch.

Es ist eine Volkskrankheit

«Im internationalen Code der Diagnosen ist Tinnitus als Ohrerkrankung klassifiziert.» In den westlichen Industrieländern hat sich Tinnitus bereits zu einer Volkskrankheit entwickelt. «Auch wenn es keine epidemiologischen Daten für die Schweiz gibt, können wir annehmen, dass es sich bei der Verbreitung von Tinnitus ähnlich wie in anderen westlichen Industrienationen verhält.

Demnach leiden ca. 2 bis 6 Prozent der Kinder (je nach Altersgruppe) und 15 Prozent der Erwachsenen unter einem Tinnitus. In der Altersgruppe von 40 bis 60 Jahren sind rund 17,5 Prozent von Ohrgeräuschen betroffen und bei den über 60-Jährigen 22,5 Prozent», erläutert Dr. Schapowal.

Vielfältige Ursachen

Das Auftreten von Ohrgeräuschen wie ein Pfeifen, Zischen, Summen, Brummen oder Klingeln kann vielfältige Ursachen haben. «In 80 bis 90 Prozent der Fälle ist Tinnitus durch eine Innenohrschwerhörigkeit bedingt. Ein Ohrenschmalzpfropf, eine Mittelohrproblematik, ein perforiertes Trommelfell, eine Mittelohrentzündung oder eine Tubenentlüftungsstörung können mögliche Ursachen sein.

In seltenen Fällen, zum Beispiel bei einem Hirntumor, liegt der Schaden hinter dem Ohr. Weitere Auslöser können ein Hörsturz, Morbus Manière oder eine Altersschwerhörigkeit sein. Zu einem Tinnitus können auch Stoffwechselstörungen, Diabetes und Bluthochdruck sowie Probleme mit der Halswirbelsäule oder im Zahn-Kiefer-Bereich führen.

In 10 Prozent der Fälle werden die Ohrgeräusche durch psychischen Stress oder psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder posttraumatische Belastungsstörungen verursacht.

Behandlung und Heilungschancen

«Ein Tinnitus ist ein Eilfall, aber kein Notfall», betont der Hals-Nasen-Ohrenarzt. Daher sollten Betroffene nach intensiver Lärmbeschallung eine Nacht abwarten, bevor sie einen Arzt aufsuchen. «Die Selbstheilungskräfte des Körpers sind beachtlich. In 90 Prozent der Fälle kommt es zu einer Spontanheilung.»

Klingen die Symptome am nächsten Tag nicht ab, rät Dr. Schapowal, einen Hals-Nasen-Ohrenarzt aufzusuchen, um die Ursache abklären zu lassen und gegebenenfalls eine entsprechende Therapie einzuleiten. «Bei einem akuten Tinnitus hat sich eine Behandlung mit entzündungshemmenden Medikamenten (Kortison) innerhalb der ersten 48 Stunden bewährt.

In den ersten drei Monaten erzielen durchblutungsfördernde Medikamente, wie z. B. Ginkgo-Blattextrakte, häufig Verbesserungen.» In chronischen Fällen, wie auch bei einer Hyperakusis, einer Geräuschüberempfindlichkeit, gibt es spezielle Therapien, um u. a. die Wahrnehmung der Geräusche zu verbessern. Dr. Schapowal macht Betroffenen Mut: «Es ist nie zu spät, einen Arzt aufzusuchen. Helfen kann man fast immer!»