Menschen mit einer Essstörung haben oft kein normales Sättigungsgefühl und je nachdem auch kein Hungergefühl mehr. «Umso mehr stützen sie sich auf Kalorienangaben ab oder stellen Essregeln auf», erläutert die Ernährungsberaterin Sonja Ricke.

3,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind im Laufe des Lebens von einer Essstörung betroffen

Essstörungen sind in der Schweiz weit verbreitet. Gemäss einer Studie im Auftrag des Bundes aus dem Jahr 2012 sind insgesamt 3,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung im Laufe des Lebens von einer Essstörung betroffen.

Am häufigsten handelt es sich um Binge Eating Disorder (Heisshungerattacken) und Bulimie (Ess-Brech-Sucht). Der häufigste Grund für eine Essstörung seien die genetische Disposition sowie umweltbedingte Faktoren, sagt Ricke. «Sensibilisierungskampagnen haben den Druck erhöht, gesund zu essen und schlank zu sein.» Hinzu komme ein Überangebot an Esswaren.

Alles sei zu jeder Zeit erhältlich. «Zudem hat sich unsere Esskultur gewandelt. Das gemeinsame Essen hat an Bedeutung verloren. Es wird seltener gekocht und rasch zu Fertigprodukten gegriffen.» Diese könnten im Übermass auch Intoleranzen fördern.

Gestörte Darmflora

Alle Essstörungen haben Auswirkungen auf den Magen-Darm-Trakt. Im Bereich Speiseröhre und Magen kommt es häufig zu einem Völlegefühl mit Sodbrennen. Beim Darm äussern sich Essstörungen mit Blähungen, gleichzeitiger Verstopfung und Durchfall und mit einer Dysbiose des Darmes. Bei der Dysbiose handelt es sich um eine Darmerkrankung, die durch eine Störung des Gleichgewichts der Darmflora gekennzeichnet ist. Sie führt zu einer erhöhten Infektanfälligkeit.

Es gibt aber auch einen Zusammenhang zwischen Essstörungen und Intoleranzen. «Laktose, Fruktose oder auch andere fermentierbare Kohlenhydrate bleiben im Magen und Darm liegen und können durch die Blähungen das Gefühl vermitteln, zu dick zu sein», betont Ricke. Nahrungsmittel würden daraufhin ausgeschlossen, um abzunehmen. Dieser Diätwahn wiederum könne zu Fressattacken führen und damit zu einer Essstörung.

Ricke beobachtet einen möglichen Zusammenhang zwischen einer zunehmenden Sensitivität auf Weizengluten und Essattacken. Zum Beispiel dann, wenn jemand ein ganzes Brot essen «muss», obwohl er schon lange satt ist. «Vordergründig scheint eine Essstörung mit Heisshungerattacken vorzuliegen, Hauptursache ist aber eine Empfindlichkeit Weizengluten gegenüber.»

Daneben spiele auch der Überkonsum von Fruktose eine grosse Rolle. «Es wird möglichst gesund gegessen mit sehr viel Obst, häufig mehr als vier Portionen pro Tag, und viel Gemüse wie schüsselweise Salat.» Diese chronische Überladung des Verdauungssystems mit Früchten und Gemüsen fördere eine Fruktoseintoleranz, verbunden mit Verstopfung, sagt Ricke.