Heute leben schätzungsweise 116'000 demente Menschen in der Schweiz. Aufgrund der demografischen Entwicklung dürfte sich diese Zahl bald erhöhen. Von den über 90-Jährigen ist jede dritte Person betroffen. Umfragen zeigen: Das Thema beschäftigt – und beunruhigt.

«Die meisten Menschen wissen aber noch zu wenig über die Krankheit»

Das nationale 'Alzheimer-Telefon' verzeichnet einen deutlichen Anstieg der Anrufe. Denn die Frage «Ist es nur Vergesslichkeit oder doch mehr?» treibt viele Mitmenschen um. «Vor allem die Warnzeichen einer Demenz müssen besser bekannt gemacht werden», wünscht sich Birgitta Martensson, Geschäftsleiterin der Schweizerischen Alzheimervereinigung.

Sie selbst verbindet die zehn Jahre, in der ihre Mutter an Demenz erkrankt war, mit «vielen traurigen, aber auch schönen und lustigen Erinnerungen». In Martenssons Fall war die Krankheit der Auslöser für ihr Engagement in der Alzheimervereinigung. «Ich habe gelernt, dass der Umgang mit dementen Menschen einem ständig neue Reaktionen abverlangt.»

Person ernst nehmen

Durch die zunehmende Überalterung kommt heute auch die jüngere Generation bereits in Kontakt mit Demenz. Nicht nur im Familienkreis. Auch in alltäglichen Situationen. Bei solchen Begegnungen ist Feinfühligkeit gefordert. Hat die Person Schwierigkeiten im Umgang mit Geld? Mühe beim Sprechen? Kann sie sich zeitlich und örtlich nicht orientieren?

Das sind lediglich Symptome, die nicht zu voreiligen Schlüssen führen sollten. Martensson empfiehlt: «Auf jeden Fall sollte man Verständnis zeigen und die Person ernst nehmen.» Die Person sollte von vorne, langsam und in einfachen Sätzen angesprochen werden. Fragen sollten mit Ja oder Nein zu beantworten sein. In einer Situation einzuschreiten, könne durchaus nötig werden, «wenn es zum Schutz der Person oder aus Rücksicht auf andere Leute nötig wird».

Erschwerend kommt hinzu: Die betroffene Person möchte – vor allem im Anfangsstadium der Krankheit – allenfalls nicht eingestehen, dass sie Unterstützung braucht. Um sinnvoll helfen zu können, muss man also wissen, was Demenz bedeutet.

Es fehlt an Zwischenlösungen

Auch im vergleichsweise gut gerüsteten Gesundheitssystem stellt Birgitta Martensson Lücken in der Versorgung fest. Die Betroffenen müssten unbedingt durchgehend Zugang zu Information, Beratung und Begleitung haben. Mängel ortet sie zudem bei den Entlastungsmöglichkeiten für Angehörige.

Der Heimeintritt schliesslich folge bei alleinstehenden Menschen eher zu früh, weil es an Zwischenlösungen fehlt. Hier propagiert die Vereinigung Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz.

«Die meisten Menschen wissen aber noch zu wenig über die Krankheit», so Martensson weiter. Falsche Vorstellungen und Halbwahrheiten überwiegen.