Rheuma gilt als «Volkskrankheit Nummer eins» – ist das nur in westlichen Staaten so?

Es gibt tatsächlich internationale Unterschiede. Manche Krankheitsbilder sind auf die Lebensweise unserer Gesellschaft zurückzuführen.

Zum Beispiel sind Rückenschmerzen – oft die direkte Folge von mangelnder Bewegung oder falscher Körperhaltung – in industrialisierten Ländern besonders stark verbreitet.

Zwei Millionen Schweizer Einwohner leiden an rheumatischen Beschwerden. Aber nicht alle lassen sich vom Arzt behandeln, oder?

Nicht alle sind diagnostiziert. Bei vorübergehenden Beschwerden suchen viele noch nicht den Arzt auf.

Kommt hinzu, dass der Begriff «Rheuma» in unserer Gesellschaft noch immer mit «älteren Menschen» assoziiert wird, was wohl die häufigste Fehlannahme ist.

Dabei leiden bereits 1 bis 2 von 1000 Kindern an Rheuma-Erkrankungen …

Eine Zunahme dieser Anzahl rheumabetroffener Kleinkinder zeigt jedoch eher auf, dass die Sensibilisierung greift und damit die Diagnose im Kindesalter schneller gestellt wird.

Im Beschwerdebild Rheuma sind über 200 einzelne Erkrankungen eingeschlossen, die sich stark unterscheiden.

Dass «Rheuma» als Überbegriff für so viele Krankheitsbilder benutzt wird, macht das Thema wenig überschaubar.

Zsammenfassen kann man sie als Krankheitsbilder, die den Bewegungsapparat betreffen.

Es gibt zur Behandlung keine Rezepte, die auf alle zutreffen, keine Generalempfehlung.

Ist Rheuma denn auch schwer zu diagnostizieren? Bei einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung zum Beispiel wartet die Hälfte der Patienten bis zu zwei Jahre auf die Diagnose.

Je nach Situation – eine Arthrose zum Beispiel ist meistens schnell diagnostiziert.

Komplexere Krankheitsbilder wie etwa eine rheumatoide Arthritis, ein Sjögren-Syndrom oder Fibromyalgie sind nicht einfach festzustellen.

Rheuma-Erkrankungen verursachen die höchsten Gesamtkosten unseres Gesundheitswesens, und dennoch ist das Wissen sehr begrenzt?

Es ist die Summe aller Krankheiten unter diesem Überbegriff. Während ein Hexenschuss schnell kuriert ist, kann eine entzündlich-rheumatische Erkrankung eine lange medikamentöse Behandlung mit sich bringen.

Wenn chronische Schmerzen auftreten, können Arbeitsausfälle hinzukommen.

Dann mündet der Krankheitsverlauf oft in eine Arbeitsunfähigkeit?

Wird die Krankheit richtig diagnostiziert, behandelt und begleitet, können heute viele Betroffene im Arbeitsprozess bleiben.

Arbeiten wird bei aggressivem Krankheitsverlauf schwierig und wenn sich chronische Schmerzen einstellen.

Die Bewegung spielt also in Prävention und Behandlung von «Rheuma» eine grosse Rolle?

Sie hat bei allen rheumatischen Krankheitsbildern positiven Einfluss, entscheidend ist, welche Bewegungsformen und in welchem Ausmass.

Ideal ist, wenn Kraft, Beweglichkeit, Ausdauer und Koordination trainiert werden. Und dies möglichst regelmässig.

Nimmt die Zahl von Rheuma-Erkrankungen in der Schweiz durch die Überalterung noch zu?

Die demografische Entwicklung führt dazu, ja. Unser Bewegungsapparat ist grundsätzlich nicht für ein hohes Alter gemacht.

Im höheren Alter treten vermehrt Abnützungserscheinungen auf.  

Sturzunfälle sind für Senioren besonders gefährlich. Wie wird die Heimberatung der Rheumaliga genutzt?

Wir führen jährlich 1400 Sturzabklärungen durch. Eine Physio- oder Ergotherapeutin prüft beim Senior daheim die Umgebung auf mögliche Stolperfallen, eruiert sein persönliches Sturzrisiko und gibt konkrete und individuelle Empfehlungen zur Sturzprävention.

Sind Frauen mehr betroffen als Männer?

Ja. Man geht bei gewissen Krankheitsbildern davon aus, dass es einen hormonellen Zusammenhang gibt. Nur beim klassischen Krankheitsbild der Gicht ist es umgekehrt, da sind häufiger Männer betroffen (über 80 Prozent).

Der «Gichtschub» wird ja landläufig auf Alkohol- und Fleischgenuss zurückgeführt.

Dann wird auch vom «Montagsfall» gesprochen – weil am Wochenende «gesündigt» wurde. Der Gichtanfall kann sich in diesem Kontext zeigen, die Krankheit entsteht aber nicht von heute auf morgen.

Es ist richtig, dass die Ernährung bei der Gicht einen grossen Einfluss hat. Darum kann man durch bewusste Ernährung viel positiv beeinflussen.

Eine andere oft gehörte Meinung: Man kriegt Rheuma, wenn man oft der Kälte ausgesetzt ist.

Das ist nicht erwiesen. Ebenso wie die Wetterfühligkeit: Viele Betroffene erklären, sie hätten bei feuchtkühlem Wetter mehr Beschwerden. Wissenschaftlich kann dies nicht erklärt werden.

Wie haben sich die Therapien in den letzten Jahren verbessert?

Gerade bei entzündlichen Krankheitsbildern sind grosse Fortschritte mit medikamentöser Behandlung erzielt worden.

Dank höherem Fachwissen und der Sensibilisierung greifen nun auch Behandlungen früher, wodurch Folgeprobleme abgewandt werden können.