Suchtstörungen sind bis zu 60 Prozent genetisch veranlagt. Weitere Einflussfaktoren sind im Verlauf der Kindheit und der Jugend zu suchen, wie das Aufwachsen in beeinträchtigten familiären Verhältnissen oder später das Verhalten von Gleichaltrigen in der Bezugsgruppe.

«Aktuelle Belastungen können bei entsprechend suchtempfindlichen Menschen dann zur Ausbildung einer Suchtstörung führen», sagt der Facharzt Thilo Beck. Sucht definiert er als Verhaltensmuster, das sich auf der Basis bestimmter Gehirnstrukturen und neurochemischer Prozesse entwickelt.

«Diese Strukturen wirken für unsere Motivations- und Verhaltenssteuerung und das Lernen prägend und funktionieren teilweise abgekoppelt von unserem bewussten Denken und unserer Kontrolle. Im Rahmen einer Therapie kann der Kontrollgrad wieder verbessert und neue Verhaltensweisen können trainiert werden.»

Unbewusstes Handeln

Wenn Menschen von Drogen und Suchtmitteln abhängig werden, wird zunächst der positive Effekt der psychoaktiven Substanz übermässig wahrgenommen und das Belohnungszentrum aktiviert.

Das Konsumverhalten wird in der Folge bis zum unbewussten Handeln «überlernt», das Verlangen nach immer wieder neuer Stimulation nimmt überhand. Diese Prozesse spielen sich im limbischen System und weiteren, entwicklungsbiologisch sehr alten Gebieten tief im Inneren des Gehirns ab, die unser Verhalten zu einem grossen Teil ohne unsere bewusste Wahrnehmung mitbestimmen.

Der Einfluss der im Vergleich relativ jungen Grosshirnrinde, die für das bewusste Denken und die bewusste Handlungsplanung verantwortlich ist, geht im Verlauf der Suchtstörung zurück.

Teufelskreis durchbrechen

Dopamin spielt in der Suchtentwicklung eine wichtige Rolle, eine chemische Botensubstanz, die das Be­lohnungszentrum aktiviert. Alle psychoaktiven Substanzen bewirken direkt oder indirekt eine Erhöhung des Dopaminspiegels.

Der überwiegende Teil der von einer Suchtstörung betroffenen Personen leidet zusätzlich unter weiteren psychischen Störungen und Belastungen, die teilweise als Folge der Suchtstörung zu verstehen sind, dieser aber oft vorangehen.

«Somit kann der Konsum psychoaktiver Substanzen durchaus als Versuch verstanden werden, durch psychische Störungen verursachtes Leiden zu verringern. Er trägt im Verlauf aber eher zu einer Verschlechterung bei», betont Beck. Eine adäquate Behandlung dieser zusätzlich zur Suchtstörung bestehenden Erkrankungen sei deshalb zur Durchbrechung des Teufelskreises in jedem Fall von grosser Bedeutung.

Hinzu kommt: Menschen, die von Natur aus viel Alkohol vertragen, trinken in der Regel mehr und setzen dadurch unmerklich eine schleichende Veränderung in ihrem Gehirn in Gang. Jugendliche, die Alkohol besser abbauen können und weniger unter den negativen Folgen eines Rausches leiden, haben deshalb ein vielfach höheres Risiko, eine Alkoholabhängigkeit zu entwickeln.

Konsumreduktion als Therapieziel

Forschergruppen in den USA suchen systematisch nach Genvarianten, die besonders häufig in Familien mit Drogensüchtigen vorkommen. Bei der Entstehung von Sucht sei eine Unzahl von Genen mit einem sehr komplexen und variablen Zusammenspiel beteiligt, bestätigt Thilo Beck. Dieses Zusammenspiel besser zu verstehen, sei sehr wichtig.

Dabei handle es sich aber immer noch um Grundlagenforschung, und aus den bisher gewonnen Erkenntnissen könnten noch keine konkreten therapeutischen Konzepte abgeleitet werden. «Suchterkrankungen werden heute als chronische Störungen verstanden, die einen Menschen unter Umständen das Leben lang begleiten.

Ihr Verlauf und ihre negative Konsequenzen können aber mit optimaler therapeutischer Unterstützung durchaus positiv beeinflusst werden», betont Beck. Eine Heilung im Sinne einer endgültigen Abstinenz sei für die meisten Betroffenen ein unrealistisches Ziel. In vielen Fällen könne aber unter entsprechender Behandlung ein bestehendes Suchtrisiko besser gemanagt werden.

«Hier setzen die heute verfügbaren Medikamente ein, die das Verlangen nach erneutem Substanzkonsum verringern. Sie eröffnen dem Betroffenen mehr Handlungsspielraum, damit er seinen Substanzkonsum kontrollieren kann», so Beck. Die Konsumreduktion als Therapieziel stelle deshalb eine notwendige Ergänzung zur bisher oft überbewerteten Abstinenz dar.