Eine besondere Rolle spielt die Migräne. Sie betrifft rund 25 Prozent der ganzen Bevölkerung und verursacht immense volkswirtschaftliche Kosten.

Manche kennen eine Migräne nur aus wenigen eigenen Erlebnissen, doch ein bis zwei Prozent der Gesamtbevölkerung haben täglich solche Kopfschmerzen. Über eine Million Menschen in der Schweiz sind insgesamt betroffen, zehn Prozent von ihnen leiden regelmässig. «Die Migräne kostet uns volkswirtschaftlich rund 500 Millionen Franken, jedes Jahr.

Etwa jeder fünfte Patient leidet auch unter Sehstörungen, Flimmern, Gesichtsfeldausfällen oder halbseitigen Sensibilitäts- und Sprachstörungen

15 Prozent davon sind direkte Kosten und umfassen die Medikamente und ärztlichen Behandlungen. Etwa 35 Prozent sind Arbeitsausfälle – und rund 50 Prozent betreffen Minderleistungen am Arbeitsplatz», rechnet Dr. med. Reto Agosti vor. Er ist Facharzt für Neurologie und Leiter des Kopfwehzentrums Hirslanden in Zürich.

«Das heisst, die Betroffenen wollen nicht fehlen und gehen zur Arbeit, sind dort aber unproduktiv oder machen sogar Fehler. In gewissen Berufen ist das hochgefährlich.»

Symptome und Behandlungen

Ein Migräneanfall geht typischerweise mit Begleiterscheinungen wie Übelkeit und Erbrechen oder Licht-, Geräusch-, Geruchs- und Berührungsempfindlichkeit einher.

Der meist sehr starke halbseitige Kopfschmerz wird als pulsierend und pochend beschrieben. «Die Kombinationen der Symptome variieren – doch ein behindernder Kopfschmerz mit einer der genannten Nebenerscheinungen ist fast immer eine Migräne», sagt Agosti. Etwa jeder fünfte Patient leidet auch unter Sehstörungen, Flimmern, Gesichtsfeldausfällen oder halbseitigen Sensibilitäts- und Sprachstörungen.

Eine Migräne lässt sich eigentlich gut behandeln. Bei einer akuten Attacke kommen Schmerzmittel sowie Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen ins Spiel. Herkömmliche Schmerzmittel können bereits helfen, doch gibt es seit vielen Jahren auch auf die Migräne zugeschnittene Stoffe, so genannte Triptane. Sie sind gut verträglich und unschädlich.

«Bei 60 Prozent der Patienten wirken sie hervorragend», sagt Agosti. «Doch leider gibt es viele Betroffene, die zwar laufend Migränen haben, aber noch nie von diesen Medikamenten hörten. Information und Sensibilisierung sind deshalb enorm wichtig, von den Patienten über die Hausärzte und Neurologen bis hin zur Pharmaindustrie. Wir müssen die Köpfe zusammenstecken können, damit diese Kette funktioniert.»

Prophylaxe und komplementäre Behandlung

Für Betroffene mit mehreren Attacken pro Monat gibt es eine Prophylaxe, mit der sich auch Begleiterscheinungen behandeln lassen. Ausserdem sind komplementäre Themen wie Bewegung, Entspannung, Schlaf oder Stress oft entscheidend. «Die Ursachen für eine Migräne sind sehr selektiv und müssen immer individuell betrachtet werden. Das ist eine richtige Tüftelei», betont Agosti.

Auch Botox kam in den letzten Jahren als Behandlungsmethode auf. In Hollywood erkannte man, dass Frauen nach Schönheitsbehandlungen keine Migräne mehr hatten. Studien bewiesen inzwischen den positiven Effekt des Stoffes bei der chronischen Migräne. Diese Patienten haben pro Monat an mindestens 15 Tagen Kopfschmerzen, an acht Tagen davon Migränen.

«Eine Behandlung mit Botox ist zwar teuer», sagt Agosti, «alle drei Monate braucht es eine Sitzung, die knapp Tausend Franken kostet. Umgerechnet auf einen Tag sind das aber nur zirka zehn Franken – für einen Patienten mit chronischer Migräne kann sich das durchaus empfehlen.»
 

Mitten im Arbeitsleben

Migränepatienten gibt es ab einem Alter von zehn bis zwölf Jahren, die meisten sind zwischen 25 und 50 Jahre alt, danach nimmt die Zahl ab – meistens parallel zum Stress des existenziellen Arbeits- und Familienlebens.

«Die Migräne ist ein Leiden, das sich vollständig im Zeitraum des Arbeitsprozesses befindet und diesen massiv beeinflusst», betont Agosti. Deshalb engagiert er sich auch direkt in Betrieben und versucht so, nicht nur die Patienten bestmöglich zu behandeln, sondern auch deren berufliches Umfeld für die Krankheit zu sensibilisieren.

«Die Art, wie darüber gesprochen und wie damit umgegangen wird, ist sehr wichtig. Dazu kann die Stressbelastung im Unternehmen angesprochen und allenfalls optimiert werden. So wird die Migräne auch zu einem Thema des Betrieblichen Gesundheitsmanagements.»