Frau Prof. Ballmer-Weber, was genau versteht man unter der Krankheit Urtikaria?

Bei der Urtikaria handelt es sich um einen plötzlich auftretenden Hautausschlag, der mit stark juckenden Hautschwellungen mit rotem Randsaum, sogenannten Quaddeln, einhergeht. Die einzelne Quaddel bleibt in der Regel weniger als 24 Stunden bestehen.

Bei einem Teil der Betroffenen kann es zusätzlich zu tieferen derben, häufig auch schmerzhaften Schwellungen (Quinckeoedem oder Angioödem) kommen, die sich vor allem im Gesicht, um die Augenregion und an den Lippen entwickeln und länger verbleiben als die Quaddeln.

Ab wann spricht man von einer chronischen Urtikaria?

Wenn der Betroffene während mindestens sechs Wochen regelmässige Schübe von Quaddeln am Körper entwickelt, spricht man von einer chronischen Urtikaria. Bei einer akuten Urtikaria treten die Beschwerden häufig nur wenige Stunden oder Tage auf.

Was löst die Erkrankung aus?

Zeigt sich eine Urtikaria unmittelbar nach Einnahme eines Medikamentes, eines Nahrungsmittels oder nach einem Insektenstich könnte eine Allergie als Ursache vorliegen. Besteht die Urtikaria aber über mehrere Tage oder Wochen ohne erkennbaren Auslöser ist eine Allergie unwahrscheinlich.

Manchmal kann eine akute Urtikaria auch durch einen viralen Infekt ausgelöst werden. Bei der chronisch induzierten Urtikaria können Kratzen, Druck, Kälte, Wärme, Anstrengung oder UV-Strahlung als Auslöser genannt werden. Die chronisch spontane Urtikaria hingegen entsteht ohne äusserlich erkennbaren Auslöser.

Hat die Jahreszeit einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit der Erkrankung?

Akute Urtikaria kommt tatsächlich etwas häufiger in den Wintermonaten vor, da Infektionen da verbreiteter sind. 

Ist Urtikaria gefährlich?

Nein, gefährlich im Sinne von lebensbedrohlich, ist diese Krankheit nicht. Sie ist für die Betroffenen aber sehr belastend, unangenehm und sollte deshalb behandelt werden.

Es lohnt sich also, den Arzt aufzusuchen?

Absolut. Ich würde empfehlen den Hausarzt, Dermatologen oder Allergologen zu konsultieren.

Wie kann Urtikaria behandelt werden?

Die Urtikaria wird mit einem Antihistaminikum der neuen Generation behandelt. Die Dosierung wir gemäss Anweisung des behandelnden Arztes aufgrund der Ausprägung der Beschwerden festgelegt und bei Bedarf bis auf ein vierfaches überdosiert.

Solange man darunter leidet, ist man auf eine Behandlung angewiesen?

Das ist tatsächlich so, wenn die Lebensqualität nicht massgeblich eingeschränkt werden soll. Insbesondere bei einer chronischen Urtikaria lohnt es sich die Antihistaminika regelmässig einzunehmen. So lässt sich die Krankheit in vielen Fällen besser kontrollieren, als wenn man die Medikamente nur bei Bedarf einnimmt.

Machen Antihistaminika nicht müde?

Früher war das in der Tat so. Heute sehen wir bei der Einnahme von Antihistaminika der neuen Generation kaum noch Nebenwirkungen.

Doch was, wenn das Antihistaminika nicht hilft?

Ist die Urtikaria chronisch, sehr ausgeprägt und spricht auf Antihistaminika nicht an, kann ein Anti-IgE-Antikörper einmal monatlich gespritzt werden. Dieses Medikament unterdrückt – wie die Antihistaminika – die Beschwerden, bekämpft aber nicht die Ursache der chronischen Urtikaria.

Wie viele Menschen sind in der Schweiz davon betroffen?

Es gibt keine genauen Zahlen für die Schweiz, aber man geht von rund einem Prozent aus. Eine akute Urtikaria erleben 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal in ihrem Leben.

Gibt es Risikogruppen?

Akute Urtikaria kommt auch im Kindsalter vor. Die chronische Urtikaria ist im Erwachsenenalter häufiger. Bei Patienten mit einer Schilddrüsenerkrankung kann sich die Urtikaria etwas häufiger zeigen.

Was ist das Wichtigste, das Betroffene wissen sollten?

Eine chronische Urtikaria ist keine schwere Erkrankung, aber sehr, sehr lästig. Ein Spezialist kann einem dabei helfen, eine gute Behandlungsmethode zu finden, sodass die Lebensqualität durch die Krankheit kaum beeinträchtigt wird.