Haben viele Menschen unterschiedlich lange Beine?

Ja, mehr als die Hälfte der Menschen haben Differenzen von über einem halben Zentimeter. Aber man nimmt an, dass weniger als zwei Zentimeter Beinlängenunterschied funktionell nicht relevant sind. Wobei das relativ grob bemessen ist.

Je nach Länge der Beine oder Breite des Beckens können zwei Zentimeter auch viel sein. Es kommt auf die Auswirkungen auf die Wirbelsäule an. Man muss das differenziert und von Fall zu Fall untersuchen.

Bei Kindern und Jugendlichen machen die Beinlängenunterschiede meist keine grossen Probleme. Der Unterschied kann sich noch verkleinern während des Wachstums.

Wir streben an, dass Kinder bis Ende des Wachstums nicht mehr als zwei Zentimeter Unterschied haben. Bei den Erwachsenen schauen wir den Einzelfall genau an und klären, ob und welche Beschwerden vorhanden sind. Dann entscheiden wir über die Behandlung.

Und welche Behandlungsmethoden kommen zum Zug?

Grundsätzlich kann man jegliche Beinlängendifferenz mit konservativen Mitteln wie Schuheinlagen oder Erhöhung der Aussenschuhsohlen behandeln. Das ist in vielen Fällen eine gute Lösung, aber sie stösst an Grenzen.

Aus technischen, funktionellen und kosmetischen Gründen kann man die Differenz höchstens bis zu einem Zentimeter unsichtbar im Schuh ausgleichen. Zudem ist das Problem mit dem Barfussgehen nicht gelöst. Eine definitive Lösung erfordert einen operativen Eingriff. Dieser erfolgt in aller Regel erst bei einer Differenz ab zwei Zentimeter.

Wie sieht die Operation aus?

Man kann das eine Bein entweder verkürzen oder verlängern. Verkürzungsoperationen machen wir häufig bei Patienten im Wachstumsalter. Man bohrt eine Wachstumszone aus, damit sie nicht mehr aktiv ist – ein kleiner Eingriff.

Zudem gibt es die Verkürzungsoperation, bei der man ein Stück des Knochens entfernt. Das machen wir eher selten, weil es kosmetisch nicht schön ist und Risiken, wie den Verlust von Muskelkraft, mit sich bringt.

Und wie funktioniert eine Beinverlängerung?

Sie funktioniert nach einem biologischen Prinzip und nennt sich Osteotomie: Man durchtrennt den Knochen mit einem kleinen Schnitt. Dann wartet man eine Woche, bis sich Bindegewebsknochen im Bruchspalt gebildet hat.

Danach kann man den Knochen pro Tag einen Millimeter in die Länge ziehen. Der Körper bildet dort neuen Knochen. Wenn wir zwei Zentimeter ausgleichen wollen, dauert das üblicherweise zwei Monate. Allerdings kann es je nach Knochenbildungsfähigkeit des Patienten auch bis zu fünf Monaten dauern.

Wie zieht man Knochen in die Länge?

Das machte man früher immer mit ­einem externen Apparat, dem so genannten Fixateur Externe. Das ist ein Gestell, das mit Drähten und ­Schrauben ­am Bein befestigt ist und an dem der Patient vier Mal pro Tag 0,25 Millimeter dreht. Diese Methode bringt Pro­bleme mit sich, ist schmerzhaft und die Rehabilitation langwierig.

Den Fixa­teur Externe wenden wir heute nur noch in komplizierten Fällen an. Seit einigen Jahren gibt es die Möglichkeit, den Knochen mit einem ­Nagel ­zu verlängern, der im Knochen drin ist. Man macht einen kleinen Schnitt am Knie und bringt den Nagel in den Markkanal hinein. Er ist mit einem­ elektromagnetischen Motor mit Antenne ausgestattet und kann von aussen angesteuert werden.

Der Patient kann so mit einem Gerät von aussen den Nagel um einen Millimeter verlängern. Das verursacht weniger Schmerzen, erleichtert die Rehabilitation. Auch kosmetisch ist es die viel bessere Lösung. Alles in allem kommt die Gesamtbehandlung sogar meist günstiger als mit dem Fixateur Externe, obwohl das Gerät selber mit Kosten von rund 15'000 Franken bis zu 10'000 Franken mehr kostet.

Der Spitalaufenthalt verkürzt sich wesentlich, der Patient braucht weniger Medikamente, weniger Physiotherapie und ist viel schneller im Arbeitsalltag zurück.