Herr Inauen, es gibt zahlreiche Demenzerkrankungen. Unter welcher leiden Sie persönlich?

Das ist schwierig zu sagen. Im Grunde genommen hat man für meine Art der Demenz bischer keinen genauen Namen gefunden.

Wie hat sich die Demenz bei Ihnen bemerkbar gemacht?

Ich hatte fünf Wochen zuvor eine Hüftoperation gut überstanden. Aus Freude darüber trank ich zusammen mit meiner Frau ein Glas Wein. Wir plauderten gemeinsam, als ich plötzlich merkte, dass ich nicht mehr richtig denken konnte.

Die grösste Schwierigkeit ist die Wahrnehmung von aussen, wie die Leute auf mich reagieren

Ich fand auch die richtigen Worte nicht mehr. Weil wir dachten, es könnte sich hier um einen Hirnschlag handeln, fuhren wir sofort mit dem Taxi ins Spital. Damit fing alles an. Man machte bei mir eine Computertomographie.

Ein paar Tage später erhielten wir die Diagnose, dass man bei mir eine demenzielle Entwicklung festgestellt habe. Es folgten zahlreiche neuropsychologische Tests und weitere Untersuchungen.

Vor dem Spitalaustritt versammelten sich Ärzte und Pflegepersonal um mein Bett. Ich bekam etwas von Alzheimer mit und von Atrophie, vom Schwund der Hirnzellen. Dann konnte ich nach Hause. Man könne im Moment nichts machen, sagten die Ärzte.

Was war Ihre erste Reaktion nach der Diagnose?

In mir brach eine Welt zusammen. Ich arbeitete zuvor als Seelsorger im Blindenheim Horw. Dort lebten viele an Demenz Erkrankte. Ich wusste also sofort, was wahrscheinlich auf mich zukommen wird.

Meine Frau war nach der Diagnose zuerst erleichtert. Jetzt hatte sie endlich eine Antwort darauf, weshalb sich mein Wesen in der letzten Zeit verändert hatte.

Unter welchen Einschränkungen leiden Sie heute?

Das Denken geht nicht mehr gut. Alles, was über den Intellekt abläuft, wird zunehmend schwieriger. Auch Neues zu lernen, ist für mich unheimlich schwierig. Zudem bin ich unglaublich vergesslich geworden. Manchmal bricht bei mir das Chaos aus.

Auch hatte ich am Anfang Bedrohungsausbrüche und habe die Leute beschimpft. Da bin ich über mich selber erschrocken und bekam Angst. Ich hatte mich in diesen Situationen offensichtlich nicht mehr unter Kontrolle.

Das hat unterdessen Gott sei Dank nachgelassen. Heute geht es mir ganz ordentlich, finde ich. Allerdings fällt es mir schwer, mich an eine Ordnung und bestimmte Strukturen zu halten.

Welche Unterstützung erhalten Sie durch Ihre Familie?

Eine ganz grosse. Vor allem durch meine Frau. Sie versteht es, wenn es schwierig wird mit mir. Wir haben zudem damit angefangen, ein Protokoll zu führen, wo wir festhalten, woran ich denken oder was ich noch erledigen muss, wenn meine Frau nicht da ist.

Was erledigt ist, streiche ich nachher durch. Dieses System gibt mir eine gewisse Sicherheit.

Es ist aber keine Garantie dafür, dass ich an etwas wirklich gedacht habe. An den Backofen haben wir einen Zettel mit einer einfachen Anleitung geklebt.

Was gibt Ihnen sonst noch Halt und Sicherheit im Alltag?

Das sind in erster Linie Menschen und Dinge, die ich gut kenne. Abläufe, die mir bekannt sind, Rollen, die mir vertraut sind.

Das war im beruflichen Alltag zum Beispiel der Fall, wenn ich als Seelsorger einen Gottesdienst hielt.

Was war für Sie bisher die grösste Umstellung?

Die grösste Schwierigkeit ist die Wahrnehmung von aussen, wie die Leute auf mich reagieren. Die einen nehmen mich so wie ich bin, andere weichen mir aus und machen einen Bogen um mich.

Welche Tipps würden Sie Angehörigen von Betroffenen geben?

Auf keinen Fall einfach Ratschläge erteilen, sondern Verständnis und Anteilnahme zu spüren geben.