Haben Sie schon mal Ihre Frau in einem halb leeren Bus verloren? Mir passiert so was ständig. Und obwohl meine Frau weiss, dass ich an Prosopagnosie leide, ist sie immer wieder verblüfft, in was für kleinen Räumen ich sie verlieren kann. Denn ich verliere sie ja nicht täglich. Ich habe so meine Tricks. Wenn es regnet beispielsweise, ist es einfach. Denn dann weiss ich, meine Frau ist die Hübsche mit dem orangen Knirps.

Das Dumme ist, wenn sie im Bus den Knirps in ihrer Handtasche verschwinden lässt. Dann ist – schwups! – meine Frau verschwunden. Und jede hübsche Frau im Bus käme in Frage. Denn das ist das Einzige, woran ich mich erinnere: Die Frau, die ich geheiratet habe, gefiel mir ausserordentlich gut.

Schwierigkeiten mit Zahlen

Prosopagnosie bleibt meist unentdeckt. Als Kind galt ich als Träumer. Auf Schulausflügen bestieg ich oft einen falschen Zug mit der falschen Klasse. In Mathematik wurde ich schlechter, je grösser die Zahlen wurden. Wer hätte wissen sollen, dass ich meine Klasse nicht von anderen Schülergruppen unterscheiden konnte? Und welcher Lehrer hätte gewusst, dass Gesichtsblinde nicht mit Zahlen klarkommen, die mehr als drei Ziffern haben?

Peinliche Missverständnisse

Später gab es peinliche Missverständnisse, weil ich meine Freundinnen mit fremden Mädchen verwechselte. Und ich konnte zwar die kompliziertesten Bücher verstehen, aber nicht die Filme, von welchen meine Freunde schwärmten.

Dass mein Gehirn unfähig ist, die Schauspieler in einer neuen Szene wiederzuerkennen, wusste ich damals noch nicht. Deshalb fand ich die Filme einfach schlecht und meine Freunde dumm.

Aufklärung dank NZZ Folio

Dass ich gesichtsblind bin, weiss ich erst, seit ich 2008 im NZZ Folio einen Erfahrungsbericht von Reto U. Schneider las, der ebenfalls gesichtsblind ist. Dieser Bericht erklärte mein ganzes Leben. Plötzlich ergab alles einen Sinn.

Das ist komisch. Das ist mein Leben.

Es erklärte mir, warum ich keine Filme gut finde ausser Fantasyfilme – Riesen mit Hörnern kann ich von Zwergen in Ritterrüstungen unterscheiden. Es erklärte, warum ich keine Zeitungen mit Bildern mag – die Prominenten auf den Bildern erkenne ich nicht. Es erklärte, warum ich meine Frau verpasse und warum viele Leute denken, ich sei arrogant – ich erkenne sie nicht. Und vor allem erklärte es mir, warum ich Komiker geworden bin. Als Gesichtsblinder ist man den unmöglichsten Situationen ausgesetzt. Und es gibt zwei Möglichkeiten, darauf zu reagieren: Man empört sich, oder man lacht. Ich musste lernen, mein Leben mit viel Selbstironie zu betrachten.

Wenn ich an einer Party den Arm um eine Frau lege, von der ich denke, sie sei meine Frau, dann kommt es vor, dass mich eine andere Frau anschaut und die Augenbrauen hochzieht. Mimik kann ich lesen. Und diese hochgezogenen Augenbrauen sagen mir: «Die Frau in deinem Arm ist nicht deine Frau, denn deine Frau, das bin ich.» Das ist komisch. Das ist mein Leben.

Kein Wiedersehen

Reto U. Schneider vom NZZ Folio kenne ich übrigens persönlich. Er war mein Pfadiführer. Wir sind uns aber seit der Pfadi nie wieder begegnet. Ich glaube, es gibt keinen Fall, in welchem sich zwei Gesichtsblinde jemals wieder getroffen haben.