Daniel Albrecht
29 Jahre alt, Profi Skifahrer auf dem Weg zurück an die Spitze

Herr Albrecht, spürten Sie die letzten Sekunden vor dem Sturz in Kitzbühel, dass etwas geschehen wird?
Eines der Pressefotos zeigt meinen Gesichtsausdruck kurz vor dem Aufprall. Man sieht deutlich, dass mir bewusst ist, was gleich passieren wird. Erinnern kann ich mich daran allerdings nicht – der Unfalltag wurde aus meinem Gedächtnis gestrichen.

Wie geht es Ihnen heute?
Gemessen an der Schwere meiner Verletzungen mittlerweile sehr gut. Ich habe als Sportler viel mehr erreicht, als dies diverse Fachpersonen prognostiziert hatten. Mein unbändiger Wille vorwärts zu gehen, egal wer oder was im Weg steht, hat mir dabei enorm geholfen.

Nach über drei Wochen Koma konnten Sie vieles nicht mehr ins Gedächtnis rufen. Haben Sie alle Erinnerungen zurückgewonnen?
Die Erinnerungen an die Zeit vor dem Unfall sind schrittweise wieder zurückgekehrt. An die ersten Rehabilitationswochen kann ich mich jedoch nicht mehr erinnern. Aus Gesprächen schlies­se ich, dass auch einige Ereignisse nach der Spital-Entlassung teilweise nicht korrekt abgespeichert wurden.

Was ist seit dem Unfall anders in Ihrem täglichen Leben?
Der Unfall hat mein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Bis zum Zielsprung war ich ein junger, erfolgreicher Sportler, der körperlich und mental in der Form seines Lebens war. Wochen später konnte ich nicht mehr selbstständig essen und nannte Schildkröten Panzerbären. Vieles hat sich verändert, auch wenn mein Alltag wieder genauso aussieht wie vor dem Unfall.

Mit welchen Einschränkungen sind Sie seither konfrontiert?
Früher konnte ich mich hundertprozentig auf mein Gedächtnis verlassen. Heute vergesse ich, auf welcher Parkebene mein Auto steht oder wo meine Schlüssel sind. Manchmal fällt mir die korrekte Benennung gewisser Dinge nicht ein. Ich werde zudem schneller müde und habe Mühe, längeren Gesprächen zu folgen.

Nehmen Sie und Ihr engeres Umfeld sich gegenseitig mit anderen Augen wahr?
Die Situation eines Menschen mit Hirnverletzungen fordert viel Rücksicht, Verständnis und Einfühlungsvermögen. Ich sah die Welt durch die Augen eines Kleinkindes und war monatelang auf die Unterstützung Dritter angewiesen. Manche Beziehungen haben unter dieser Belastung gelitten, andere wurden umso stärker.

Wer hat Ihnen auf dem Weg zurück in Ihren Alltag am meisten geholfen?
Grundsätzlich gab es vier verschiedene Menschen, die betreut werden mussten: Der Patient, die Privatperson, der Unternehmer und der Athlet. Als öffentliche Person kommen in einer solchen Situation diverse zusätzliche Herausforderungen auf dich zu, die du nur mit Hilfe eines stabilen Umfelds meistern kannst. Am wichtigsten für mich war jedoch die Unterstützung meiner Lebenspartnerin, der ich blind vertraue.

Hat sich Ihr Verhältnis gegenüber dem Skisport verändert?
Nein. Mir war immer klar, dass ein Wimpernschlag über den Verlauf einer Karriere entscheiden kann. Wir bereiten uns minutiös vor, um alle möglichen Risiken zu minimieren. Dennoch gibt es im Skirennsport viele nicht beeinflussbare Faktoren. Der schwächste Windstoss kann fatale Folgen haben. Unfälle sind unvermeidlich, jeder Profi ist sich dessen bewusst.

Sie sind trotz allem wieder Skirennfahrer. Wie haben Sie in so kurzer Zeit wieder den Anschluss im Profisport gefunden?
Dahinter steckt viel Arbeit und Durchhaltewillen. Es gibt Dinge im Leben, die du nicht ändern kannst, egal wie sehr du es dir wünschst. Wie du mit der jeweiligen Situation umgehst, liegt in deiner eigenen Hand. Diese Einstellung und meine mentale Belastbarkeit haben mir meinen Weg zurück geebnet.

Welche Ziele haben Sie sich für die nächste Saison gesteckt?
Physisch bin ich bereit zu Höchstleistungen. Was noch fehlt, ist die richtige Materialabstimmung, etwas Glück, Konstanz und Zeit. Mein Ziel ist es, den Anschluss an die ersten Dreissig zu schaffen und dann sukzessive zur Spitze vorzustossen. Ich bin überzeugt, dass sich dieses Ziel trotz meiner schweren Verletzungen verwirklichen lässt.