Heidi Klum und David Beckham haben es mit ihren Beinen getan, Madonna mit ihren Brüsten, Julia Roberts mit ihrem unverkennbaren Lächeln, Jennifer Lopez mit ihrem wohlgeformten Po, Tom Jones mit seinem ach so männlichen Brusthaar, Bruce Springsteen mit seiner rauen Stimme.

Diese Stars haben ihre herausragenden Merkmale versichern lassen. «Vielleicht sollte ich das auch tun», witzelt Valentin Akçag. Er weiss: «Wenn ich mir einmal einen Finger breche, dann ist es vorbei. Dann kann ich es vergessen. Für immer.»

Valentin Akçag ist Violinist. Schon als Dreijähriger erhielt der Zürcher von seinem Vater Geigenunterricht, als Fünfjähriger sang er im Chor, Piano spielte er bald auch. Geige, Piano oder Gesang? Die Entscheidung fiel letztlich leicht. Dem Gesang macht der Stimmbruch einen Strich durch die Rechnung, doch ohnehin weiss Akçag: «Die Geige war schon immer meine grösste Liebe.» Lieber lässt er seine Hände singen.

Mit der Geige in den Nachtclub

Eine Violine als Begleitung für laute Bässe und Party-Musik? Es war die Schnapsidee eines Freundes, der in der damaligen «2B Lounge» in der Zürcher Innenstadt eine Party veranstaltete. «Spiel doch mit deiner Geige zur Musik, das wäre doch cool.» Akçag lässt sich überreden und wagt sich mit seinem feinen Instrument an die bra­chialen Klänge. Tags darauf kommen gleich mehrere Anfragen von Clubs rein. Und jetzt? Akçag ist anfangs nicht begeistert. «Es war mir unangenehm. In den Kreis der klassischen Musik passt so was nicht hinein.»

Tempi passati. Längst hat Akçag den Spagat geschafft. Spielt weiterhin passioniert klassische Konzerte, tourt mit den Swiss Tenors durchs Land und tritt in Clubs an der Seite bekannter DJs – unter anderem Top-Shots wie Tanja La Croix oder DJ Cruz – mit seiner Violine auf. Akçag klassisch, Akçag modern – Akçag das Multitalent! Oder? Der in Herrliberg aufgewachsene Musiker wiegelt ab: «Talent, das heisst ein musikalisches Gehör und Rhythmusgefühl, gehören bestimmt dazu. Aber damit alleine kommt man nicht allzu weit. Es gehört sehr viel Fleiss dazu.»

Bis zu sechs Stunden am Tag übt er vor seinen Auf­tritten an seinem Instrument, kaum ein Tag vergeht, ohne dass er den Bogen über die Saiten tänzeln lässt. «Ein Leben ohne Geige, das kann ich mir nicht vorstellen. Nein, das gibt es nicht.» Es sei denn...
Akçag hat Angst. Angst um seine Hände. Snowboard fährt er nicht, den Tennisschläger hat er zur Seite gelegt, Fussball spielt er nur selten und Beachvolleyball sehr vorsichtig.

«Und vor Schlägereien im Ausgang hüte ich mich», sagt Akçag und lacht dabei zwar, weil es albern klingt, doch er meint es ernst. Ein Fingerbruch und alles wäre aus. Die Jahre des Übens wären für die Katz, die prickelnden Auftritte vor dem Publikum wären vorbei, seine grösste Leidenschaft zerstört. Akçag erklärt: «Die Feinmotorik, die es auf diesem Niveau braucht, ist mit einem chirurgischen Eingriff nicht wieder herzustellen. Unmöglich.»

Notoperation am Finger

Beinahe wäre es bei Akçag schon früh so weit gewesen. Als Viertklässler musste er einen Stuhl schnitzen. Dabei sägte er sich in den linken Zeigfinger. «Ich sah Blut und sogar den Knochen.» Ab in den Notfall, eine Operation war unumgänglich. Die Sehne im Finger war zu zwei Dritteln durchtrennt. «Ein halbes Jahr lang trug ich einen Gips an der Hand, danach musste ich zur Physiotherapie.» Nur mit viel Glück konnte damals das frühzeitige Ende einer so vielversprechenden Karriere abgewendet werden.

Heute passt Akçag besser auf. Das Kochen überlässt er seiner Freundin. «Sie tut das hervorragend.» Nur aufs riskante Wasserski fahren verzichtet er – trotz väterlicher Gegenwehr – nicht. «Diesen Sport liebe ich einfach. Und ich gebe schon Acht.» Eine weise Idee, schliesslich hat Akçag noch viel vor. Will er der neue David Garrett werden? Der deutsche Star-Geiger füllt mit seinen Crossover-Konzerten die grossen Konzertsäle. «Nein, Garrett hat einen ganz anderen Stil. Die DJs begleiten meine Sets im Club. Das ist nicht zu vergleichen. Aber ganz klar: Dass die Geige heute als cool gilt, habe ich Garrett zu verdanken.»

Ein Projekt mit Hand und Fuss

Doch auch Akçag träumt von einem grossen Projekt für die breite Masse. «Einmal das Hallenstadion zu füllen, wäre gewaltig.» Ob er dabei selber auf der Bühne steht oder eher als Manager die Fäden zieht, lässt er sich offen. Akçag, der Lenker und Denker im Hintergrund? Gut möglich. Der Tausendsassa schliesst im Sommer 2015 den Masterstudiengang seines «Accounting & Finance»-Studiums an der Universität St. Gallen (HSG) ab.

Kommt danach der absolute Durchbruch des Valentin Akçag mit der Geige für jedermann? Nach einem derart tüchtigen Karriereaufbau ist es ihm zu wünschen. Hals- und Beinbruch. Nur die Finger lass ihm ganz.