Frau Bartoli, welche Bedeutung hat das Lungenvolumen für eine Opernsängerin?

Die Lunge ist enorm wichtig! – Wir Sänger und wohl auch alle Musiker, die ein Blasinstrument spielen, trainieren unsere Atemtechnik ganz bewusst. Beim Atemholen versuche ich die Lunge bis in die äussersten Spitzen zu füllen; wahrscheinlich ist das ganz ähnlich wie bei Spitzensportlern.

Ein guter Opernsänger kann einen Ton bis zu einer Minute halten, und von den legendären Kastraten wird erzählt, sie hätten sogar bis zu drei Minuten singen können, ohne Atem zu holen ...

Je solider meine Technik ist, desto freier bin ich und kann mich ganz der Gestaltung und Ausformung der musikalischen Linie widmen

Die Atemtechnik ist zuständig für das Fiato: Das bedeutet eigentlich Atem auf Italienisch, wird aber in der Fachsprache für die Atemkontrolle verwendet: Je mehr Lungenvolumen vorhanden ist, desto länger können wir einen Ton oder eine Phrase halten, ohne sie durch Einatmen unterbrechen zu müssen.

Je solider meine Technik ist, desto freier bin ich und kann mich ganz der Gestaltung und Ausformung der musikalischen Linie widmen. Denn glücklicherweise geht es in der Musik ja nicht um Technik und messbare Werte wie «grösser, stärker, besser», sondern um Ausdruck und Emotionen!

Wie bereiten Sie Ihre Stimme auf einen Auftritt vor?

Wichtig ist eigentlich die Vorbereitung beim Einstudieren eines Werkes: Die technischen Abläufe im Körper müssen automatisiert werden, so dass man sie im Konzert einfach abrufen kann.

Am Tag selber rede ich möglichst wenig, damit die Stimmbänder ausgeruht sind und die Stimme strahlen kann.

Die gefürchteten Hustenanfälle während eines Auftritts. Mussten Sie damit schon Erfahrung machen?

Nein, das ist mir noch nie passiert: Wahrscheinlich ist mein Adrenalinpegel während eines Konzerts oder Opernauftritts so hoch, dass da ein Hustenreiz automatisch ausgeschaltet wird.

Was tun Sie für gute Luft in den eigenen vier Wänden?

Keine Aircondition und lüften, lüften, lüften!

Operngesang stellt ähnlich hohe Ansprüche an den Körper wie Leistungssport. Wie entspannen Sie nach einem anstrengenden Auftritt?

Da muss ich als Erstes etwas Solides, Feines zu essen bekommen! Man kann nämlich nicht mit vollem Magen ein Konzert singen, also esse ich einige Stunden vor dem Auftritt.

Das Konzert dauert dann auch noch mehrere Stunden, dann umziehen, Hände schütteln ... auch wenn es spät am Abend ist, setze ich mich gerne hin, trinke ein kühles Bier (das tut der Kehle gut) und esse etwas zusammen mit Freunden.

Was ist Ihnen wichtig im Leben?

Mein Beruf ist zum Glück auch meine Leidenschaft: Musik steht da ganz weit oben auf der Liste, aber noch weiter oben kommen die Familie und deren Gesundheit.

Ihre Mutter und Ihr Vater waren beide Opernsänger, Sie sind umgeben von Musik aufgewachsen. War es da logisch für Sie, auch diesen Weg zu gehen?

Ja, der Wunsch entwickelte sich ganz natürlich: Meine Mutter ist auch meine einzige Lehrerin geblieben – zwischen Mittagessen kochen und Haushalt habe ich immer wieder eine kleine Lektion Gesangsunterricht bei ihr gehabt, bis ich für die Bühne reif war.

Die Oper ist ein hartes Business und nur die wenigsten schaffen es an die Spitze. Was raten Sie jungen Opernsängern?

Die Welt der Musik lebt von der Exzellenz, von der herausragenden Leistung – vom Gefühl, an einem ausserordentlichen Momentum teilzuhaben.

Deshalb gibt es für Opernsänger eigentlich nur ein Motto: Hart an sich arbeiten, sich nie ganz zufriedengeben, immer wach und neugierig bleiben, um sich und seine Kunst weiterzuentwickeln. Und die Liebe zur Musik immer ins Zentrum unserer Arbeit stellen!