Es macht einfach keinen Sinn, wie Novak Djokovic da liegt. Er, der Tag für Tag hart trainiert, Gewichte stemmt, stundenlang auf dem Rad oder beim Laufen an seiner Ausdauer feilt, er liegt auf dem Sand im kroatischen Umag. Blickt in den stahlblauen Hochsommerhimmel, streckt alle viere von sich. Brustschmerzen, Atemprobleme.

Die 3500 Zuschauer im vollen Stadion halten den Atem ebenso an wie Stanislas Wawrinka auf der anderen Seite des Netzes. Die Mutter weint auf der Tribüne, Vater Srdjan eilt mit einem Arzt auf den Platz, um Novak auf einen Stuhl zu setzen.

Das wars. Djokovic muss aufgeben. Ausgerechnet im Final, ausgerechnet als er im Tiebreak des ersten Satzes 3:1 führt. «Ich hätte gerne anders gewonnen», sagt Stan Wawrinka. Der Westschweizer feiert an jenem 30. Juli 2006 seinen ersten Turniersieg auf der ATP-Tour. Aber was ist nur mit Djokovic los?

Meditation und Yoga

Es ist nicht das erste Mal, dass der Serbe auf dem Tennisplatz einbricht. Hat er eine Allergie? Oder Asthma? Oder ist er doch nicht fit genug? Keiner weiss es. Der «Djoker» wechselt Trainingsprogramme und Trainer, lässt sich sogar an der Nase operieren, um die Atemwege frei zu machen.

Alles hilft, aber nur wenig. Zu wenig. Auch Meditation und Yoga bringen ihn nicht entscheidend weiter. Denn Djokovic reicht es nicht, einer der besten Tennisspieler der Welt zu sein. Er will die Nummer 1 sein.

Sogar Federer witzelt

Im Januar 2008 gewinnt Djokovic in Melbourne sein erstes Grand-Slam-Turnier, das Australian Open. Ein Jahr später gibt er als Titelverteidiger auf.

Sogar der sonst stets nette Gentleman Roger Federer kann sich einen Seitenhieb nicht verkneifen: «Novak ist ein Witz, was Verletzungen betrifft.» Was zu diesem Zeitpunkt keiner weiss: Djokovic ist krank, leidet an Zöliakie. Er verträgt Gluten nicht. Das Eiweissgemisch kommt in diversen Getreidearten vor.

«Ich trainierte hart, aber fühlte mich nicht gut. Ich war talentiert und hatte Biss. Aber ich ass komplett falsch.»

Der Zufall will es, dass Dr. Igor Cetojevic, ein serbischer Ernährungswissenschaftler, zu Hause sitzt und auf seiner TV-Fernbedienung herumzappt. Er mag Tennis nicht, doch seine Frau bremst ihn, als auf dem Sportkanal ein Djokovic-Match läuft. Djokovic hat Atemprobleme. «Wieder ein Asthma-Anfall», meint der Kommentator. Doch Cetojevic ist sicher: Das ist kein Asthma, sondern ein Ernährungsproblem.

Diät für den Hund

Bald darauf treffen sich Cetojevic und Djokovic. Ein eigenartiger Allergietest liefert ein verblüffendes Ergebnis. Der Tennis-Star muss seine linke Hand auf den Bauch halten und den rechten Arm ausstrecken und dagegenhalten, als ihn der Arzt nach unten drückt. Im zweiten Versuch legt er Djokovic ein Stück Brot unter die linke Hand. Diesmal fühlt sich Djokovic viel schwacher.

Der serbische Nationalheld stellt seine Ernährung auf glutenfreie Produkte um und verzichtet auch auf Milch und Kaffee. Trinkt warmes Wasser und Proteinshakes aus Erbsen. Isst viel Avocado und Cashewnüsse und jeden Morgen zwei Löffel Manuka-Honig aus Neuseeland. Sechzig Euro das Gläschen. Zur Entspannung trinkt er Lakritztee. Sogar die Nahrung für seinen Pudel Pierre ist mittlerweile glutenfrei!

Rasche Effekte

Ein Spinner? Ein Wahnsinniger? Gewiss nicht. «Nole», wie ihn Familie und Freunde nennen, ist fitter, beweglicher, leichter geworden. Er fühlt sich heute kräftiger denn je, hatte trotz Essumstellung kein mentales oder körperliches Tief zu überwinden. Erste Effekte zeigten sich schon nach zwei Wochen.

Djokovic empfiehlt seine Diät, bei der nicht weniger, sondern hauptsächlich anders gegessen werden soll, jedem. Vor allem aber ermuntert er jeden, auszuprobieren, was gut ist und was nicht. Schliesslich sei jeder Körper einzigartig.

Kein Brot

Beim «Djoker» wirkt der Verzicht auf glutenhaltige Nahrung. Mittlerweile feierte er 41 Turniersiege, davon sechs Grand Slams, stand 101 Wochen auf Platz 1 der Weltrangliste und verdiente 51 Millionen Franken Preisgelder.

Sein Jahr 2011, in dem er zehn Turniere gewann, betiteln viele Sportjournalisten als die beste Saison, die ein Tennisspieler je hatte. Seit Djokovic auf Gluten verzichtet, haben seine Gegner meistens kein Brot mehr.