Frau Gisin, wie geht es Ihnen und Ihrem Knie?

Danke der Nachfrage, es geht mir sehr gut und meinem Knie geht es täglich besser.

Wie haben Sie es geschafft, nach Ihrer Knieverletzung Mitte Januar, so schnell wieder fit zu werden?

Ich hatte viel Glück im Unglück. Die Verletzung war nicht so gravierend wie befürchtet. Zudem habe ich ein medizinisches Top-Team, welches mich vom ersten Tag an optimal betreut hat. So konnte ich die Belastung auf mein Knie täglich steigern und dies schmerz- und beschwerdefrei.

Ihr Schienbeinkopfbruch ist nicht Ihre erste Verletzung. Woher nehmen Sie die Motivation und Kraft immer wieder aufzustehen und mit dem Skirennsport weiterzumachen?

Ich liebe es, Ski zu fahren, das Gefühl eines super Laufes gibt mir sehr viel Energie. Zudem hatte ich immer das Glück, dass meine Verletzungen super heilten und ich schmerzfrei in den Weltcupzirkus zurückkehren konnte.

So darf ich bis heute meinen Traum leben. Übrigens liege ich mit meinen Verletzungen einigermassen im Schnitt. Pro Jahr verletzen sich im Skirennsport 35 Prozent; jedes dritte Jahr trifft es einen.

Was war Ihre bisher schwerste Verletzung?

Das war eine komplexe Knieverletzung 2001. Damals zog ich mir in einem Slalom der JO-Interregionen-Meisterschaft einen Kreuzbandriss am rechten Knie zu.  Nachträglich wurde dann noch ein Bruch der Kniescheibe festgestellt.

Dachten Sie nach solchen Verletzungen nie über einen Rücktritt nach?

Natürlich, diese Gedanken waren Teil jeder Verletzung. Wenn man dann entscheidet, sich wieder zurück zu kämpfen, ist der Wille umso grösser.

Können Sie sich ein Leben ohne Skirennsport überhaupt vorstellen?

Selbstverständlich. Der Spitzensport ist für fast jeden ein temporärer Beruf. Gerade durch meine Verletzungen musste ich mich oft und früh mit einem alternativen Lebensweg auseinandersetzen.

Was macht den Skirennsport für Sie so besonders?

Ich liebe die Geschwindigkeit. Die Natur. Ich mag dieses Gefühl, auf einem Rennhang unterwegs zu sein. Dann bin ich ganz bei mir. Habe ein, zwei Minuten Ruhe. Frieden. Und es gibt nur eines: mich und den Berg.

Welches war der bewegendste Moment in Ihrer Karriere?

Der Olympiasieg in Sotschi war sehr emotional. Dass ich diese Emotionen mit meiner Familie und so vielen Menschen rund um den Globus teilen durfte, war noch schöner. Diese Gefühle werde ich immer in meinem Herzen tragen.

Was macht der Olympiasieg für Sie so besonders?

In den anderthalb Jahren vor den Olympischen Spielen hatte ich das Gefühl, ich könne nicht mehr richtig Skirennen fahren. Ich traute mich nach meiner Verletzung nicht, ans Limit zu gehen. Dann gab ich mir einen Ruck und schaffte es im entscheidenden Moment nochmals an die Spitze. Das ist für mich der schönste Sieg.

Hat Sie dieser Sieg verändert?

Ja. Dieser Erfolg gibt mir Ruhe und Energie. Eine Last ist von mir abgefallen und ich bin gelassener. Ich bin eins mit mir.

Was ist Ihnen, neben der Piste, wichtig?

Meine Familie, meine Freunde und deren Gesundheit.

Sie sind viel unterwegs. Schaffen Sie es dennoch, eine ausgewogene Work-Life-Balance zu halten?

Ich bin überzeugt, dass ich ein gutes Gleichgewicht in meinem Leben habe. In meinem Beruf ist das auch sehr wichtig. Wenn ich zu einem Rennen starte brauche ich so viel Energie wie möglich. Deshalb versuche ich täglich, Fenster zur Erholung einzubauen; Momente nur für mich.

Welche Rolle spielt die Ernährung bei Ihnen?

Die Ernährung ist extrem wichtig, gerade in einer Rehabilitationsphase, jedoch auch sonst. Man ist, was man isst.

Wo sehen Sie Ihre Zukunft nach der Skirennkarriere?

Ich würde gerne mein Physikstudium neu starten und meine Berufspilotenausbildung abschliessen.