Ein grosses Ziel

Schon als kleines Kind hatte Silke Pan nur einen Berufswunsch: Artistin werden. Dieses Ziel verfolgte sie konsequent – und wie sich zeigen sollte mit Erfolg. Sie war bereit, alles dafür zu geben.

«So trainierte ich bei jeder Gelegenheit, wo immer ich auch war», blickt die heute 44-jährige Deutsche zurück. 2002 kam es zur erfolgreichen Zusammenarbeit mit ihrem Partner Didier Dvorak.

Die beiden entwickelten mehrere Artistennummern, mit denen sie als Duo auftraten und sich damit rasch einen Namen in der Zirkus- und Artistenwelt verschafften.

«Wir waren ein perfekt aufeinander abgestimmtes Duo, wir verwirklichten unsere verrücktesten Ideen und Träume», erzählt Silke Pan. In der Saison 2007 war das Duo für zwei Jahre im Voraus ausgebucht.

«Alles war perfekt, es hätte für uns nicht besser sein können.» Doch dann ereignete sich das, was mit zum Risiko des Artistenberufs gehört – und mit dem Silke Pan und ihr Partner nie und nimmer gerechnet hatten.

Das erfolgreiche Artistenduo probte in einem Freizeitpark in Italien für das nächste bevorstehende Engagement. Bei einer Figur am Trapez verpassten sich die beiden: Silke stürzte ab.

Mit Schädelverletzungen und gebrochenem Rückgrat wurde sie ins Spital eingeliefert und noch vor Ort in Italien operiert.

Dann sorgte ihr in der Schweiz lebender Vater dafür, dass sie ins Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil verlegt wurde.

«Dort wachte ich nach Tagen im Koma auf und erfuhr die Diagnose. Paraplegie, sagten die Ärzte. Mir wurde allmählich bewusst, dass ich meine Beine nie wieder werde bewegen können», erinnert sich Silke Pan.

«Ich wollte kämpfen»

Damit war das Artistenleben beendet. Doch Silke Pan hatte nicht vor, aufzugeben und sich ihrem Schicksal zu ergeben. «Im Gegenteil, ich wollte kämpfen und den Weg zurück ins Leben finden», sagt sie rückblickend.

Ihre in all den Jahren antrainierte Disziplin half ihr dabei. Noch in der Rehaklinik sah sie die ersten Handbikes fahren.

«Zuvor kannte ich das nicht, und ich begann mich dafür zu interessieren.» 2008 kaufte sie sich ihr erstes gebrauchtes Rad und fing an, damit zu trainieren.

2012 startete sie den Wettkampfsport. «Rasch entdeckte ich, dass ich auch in meinem neuen Leben sportliche Leistungen erbringen kann.» Ihr half dabei, dass sie in all den Jahren, in denen sie als Hochleistungssportlerin und Artistin tätig war, ihren Körper fit gehalten hatte.

Silke Pan war Mitglied im deutschen A-Kader im Handbike. 2016 absolvierte sie mit dem Handbike 13 Schweizer Alpenpässe,eine erste von weiteren Ultra-Paracycling-Alpentouren, für die sie sich seitdem begeistert.

Seit Juli 2016 arbeitet sie mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne gemeinsam an einem Exoskelett. Dabei handelt es sich um eine Stützstruktur, die aussen am Körper getragen wird.

Dank Exoskeletten, einer Art Roboter, können Menschen mit Querschnittslähmung wieder gehen. Bedient werden die Roboter per Knopfdruck, der «Pilot» steuert die Maschine also selbst.

Auch in der therapeutischen Medizin werden Exoskelette eingesetzt. Das Gehen damit hat zahlreiche positive Auswirkungen: So kann zum Beispiel der Abnutzung der Gelenke oder Wunden, die durch langes Sitzen auftreten, vorgebeugt werden.

Sie werde den Tag nie vergessen, als sie zum ersten Mal in einem Exoskelett stand, blickt Silke Pan zurück. «Seit Jahren hatte ich nicht mehr gesehen, wie meine Beine laufen können. Bei diesem Erlebnis kamen mir die Tränen.»

«Um Grosses zu leisten, schau nach vorne»

Später hat Silke Pan damit begonnen, für den sogenannten Cybathlon zu trainieren. Diese Veranstaltung fand erstmals im Oktober 2016 an der ETH Zürich statt.

Es handelt sich um einen Wettbewerb für Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einer körperlichen Behinderung. Diese tragen dabei bionisch konstruierte Apparate wie Exoskelette oder Prothesen.

Der Exoskelett-Parcours besteht aus mehreren Hindernissen. «Ich habe intensiv dafür trainiert und bin voller Zuversicht und mit grossen Hoffnungen an den Cybathlon gefahren», berichtet Silke Pan.

Dann stand der erste Wettkampf an. Alles lief super. Sie führte das Feld an. Kurz vor einem der Hindernisse reagierte ihr Exoskelett nicht mehr auf ihre Kommandos.

«Mein Team musste mich vom Feld tragen. Im ersten Moment war ich schrecklich enttäuscht. Schliesslich war es ein Wettkampf, und ich wollte gewinnen.»

Diesen Rückschlag hat Silke Pan unterdessen verdaut. Was sind ihre Wünsche an die Zukunft? Sie beende dieses Jahr ihre Ausbildung als Business-Coach, antwortet sie, und habe vor, 2018 den nächsten Level anzugehen.

Das Wort «unmöglich» hat sie längst aus ihrem Wortschatz gestrichen. Um andere gut motivieren und anspornen zu können, findet Silke Pan ihre Antriebsenergie in stetig neuen sportlichen und beruflichen Herausforderungen.

«Um Grosses zu leisten, schau nach vorne, denn dort liegt die Zukunft.»