Herr Messner, im Jahr 1978 waren Sie und Peter Habeler die ersten Personen, die den Everest ohne Sauerstoff bestiegen. Vor diesem Aufstieg galt dies eigentlich als unmöglich – wieso glaubten Sie trotzdem daran?

Im Grossen und Ganzen kam der Mut für diesen Versuch daher, dass die Engländer in den 20er Jahren ohne Sauerstoffgeräte bereits sehr weit in die Höhe gestiegen waren – mit einer primitiven Ausrüstung.

Mit einer besseren Ausrüstung müsse man noch höher kommen, dachte ich mir. Grundsätzlich weiss ich aber schon seit ich ein Kind bin: Alles, was unmöglich ist, ist eigentlich möglich. Man muss aber einen Zugang finden, gute Voraussetzungen haben, hart trainieren und eine Prise Glück haben.   

Hatten Sie bei der Besteigung Angst?

Wenn ich beim Bergsteigen keine Angst hätte, wäre ich nicht mehr am Leben. Die Vorgehensweise war hier aber wichtig: Wir machten immer ganz kleine Schritte, gingen sehr langsam den Berg hinauf. Durch diesen langsamen Aufstieg war das Ganze machbar – hinkommen und hochstürmen, das wäre tödlich gewesen.

Wie fühlt sich das an, wenn die Luft dort oben derart dünn ist?

Ich war vor dem Everest bereits auf drei Achttausendern ohne Sauerstoff. Deshalb wusste ich: Bis 8000 Meter habe ich keine Probleme. Schlimm war, dass wir am Schluss wegen dem Sauerstoffmangel so langsam gehen mussten.

Fast nach jedem Schritt mussten wir pausieren, und der Gipfel schien unendlich weit weg. Da fingen die Gedanken im Kopf zu drehen an  - was passiert, wenn wir es nicht schaffen? Wir kommen wir zurück?

Wie haben Sie für diesen Versuch trainiert?

Wir haben viele Bergläufe gemacht, um den Herzlungenkreislauf zu stärken. Das Herz muss pumpen können wie noch nie. Die Anpassung an die Höhe ist aber wichtiger als das Training - es braucht eine Akklimatisierung. Die Aufstiegstechnik habe ich von den Sherpas abgeschaut: Einige Schritte so schnell wie möglich gehen, anschliessend stehen bleiben und hyperventilieren, um den Sauerstoffmangel auszugleichen.

Welche Auswirkungen hat eine Bergbesteigung ohne Sauerstoff auf den Köper?
Ich war in der Höhe zum Glück nie lungenkrank. Da ich bereits als 25-Jähriger Achttausender bestieg, lernte mein Körper, damit umzugehen. Ich hatte interessanterweise nie eine besonders gute Lungenkapazität, aber das ist auch keine Voraussetzung für eine solche Bergbesteigung.

Voraussetzung war das Hyperventilieren und die Fähigkeit, zu leiden und durchzuhalten, denn es war hart. Für alles auf dieser Welt, ob Journalismus oder Bergsteigen, braucht man mehr mentale als körperliche Kräfte. Man kann alles machen, wenn man es wirklich will. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, nur das zu wollen, was man auch kann.

Was reizt Sie am Bergsteigen ohne Sauerstoff?
Hillary und Tenzing bestiegen 1953 den Everest selbstverständlich mit Sauerstoff, da es lediglich um die Eroberung des Berges ging. Aber nachdem alle Berge bestiegen worden waren, war es unlogisch, alle nur erdenkliche Technik zu benutzen, um nach oben zu kommen.

Ich verzichte bewusst: Ich benutze keinen künstlichen Sauerstoff, keine Bohrhaken und keine Kommunikation. Wenn ich ohne diese Sachen nicht weiterkomme, kehre ich um.

Bedeutet für Sie Verzicht auf Technologie die Rückkehr zum echten Bergsteigen?
Ich möchte nicht werten. Ich persönlich verzichte freiwillig darauf - heute machen dies aber nur wenige Menschen. 99 Prozent der Alpinisten folgen einer Piste, ob an der Eigernordwand oder am Everest.

Problematisch wird es, wie letztes Jahr am K2, wenn eine Lawine hinunterdonnert und die Seile der Piste mitreisst. Da wissen einige Alpinisten nicht mehr, wie absteigen. Wir wären aber nie auf diese Piste angewiesen gewesen, da wir bergsteigen konnten.

Ein Leben als Grenzgänger

Reinhold Messner hat in seinem Leben viele Rekorde gebrochen und Preise eingeheimst. Trotzdem geht es ihm nicht um Ruhm und Ehre, sondern um die Erfahrung am Berg. 

Bereits als Fünfjähriger erklomm Reinhold Messner seinen ersten Dreitausender – der Anfang einer lebenslange Liebe zu den Bergen. Der gebürtige Italiener aus Brixen wuchs mit acht Brüdern und einer Schwester auf; der Bruder Günther begleitete ihn später in den Himalaya, der Bruder Hubert in die Arktis. Nach einer aktiven Jugend am Fels und in den Bergen zählte Messner anfang Zwanzig zu den besten Kletterern Europas.

Messner wurde bald für seine schnelle Bergbesteigungen bekannt: Für die Standardroute an der Eigernordwand beispielsweise benötigte er lediglich zehn Stunden. Mit 26 Jahren, im Jahre 1970, plante Messner seinen erste grosse Himalaya-Bergbesteigung.

Es wurde zu einem tragischen Erfolg: Obwohl Messner die bisher noch unerklommene Rupal-Wand des Nanga Parbat bestieg, starb sein Bruder Günther zwei Tage später auf dem Abstieg. Messner selbst erlitt starke Erfrierungen an sechs Zehen, die amputiert werden mussten.

Erstbesteigung ohne Sauerstoff

Bekanntheit und Ruhm in der internationalen Öffentlichkeit ernetete Messner anschliessend, als er 1978 mit Peter Habeler erstmals den Mount Everest ohne Sauerstoff bestieg. Im Jahre 1986 wurde Messner zudem zum ersten Bergsteiger, der alle 14 Achttausender erfolgreich erklomm. Dieser Leistung kamen bis heute 22 weitere Bergsteiger nach, davon zehn, die ebenfalls ohne Sauerstoff nach oben kamen, und zwei Frauen.  

Als roter Faden durch seine Biografie zieht sich der Glauben an den Alpinstil im Höhenbergsteigen, das heisst der Verzicht auf Fremdhilfe, Sauerstoff, präparierte Route oder Zwischenlager. Auch die höchsten Berge, wie der Mount Everest, werden in kleinen Seilschaften mit möglichst wenig Material in einem Zug von Basislager bis zum Gipfel bestiegen – wohl die reinste Form des Alpinismus. Dem häufiger vorkommenden Expeditionsstil, mit Hochträgern, Hochlagern, Materialdepots, Fixseilen und Leitern, möchte sich Messner nicht anschliessen. Trotzdem zeigt er Verständnis: «Ich will nicht werten, denn es ist ihr Bergsteigen. Ich verstehe, dass die Jungen sagen, ohne Bohrhaken machen wir das nicht.»

Laut Messner selbst geht es ihm auch weniger um die Rekorde, die er gesammelt hat, sondern um das Ausgesetztsein in möglichst unberührten Naturlandschaften und das Unterwegssein mit einem Minimum an Ausrüstung. So verzichtet er neben Sauerstoffmasken auch auf Bohrhaken und Satellitentelefon. «Wenn ich auf einem Abenteuer bin, bin ich weg von der Welt», sagt er. «Wenn ich mit meiner Frau telefonieren würde, wäre es kein Abenteuer mehr.»

Antarktis und Gobi

Reinhold Messner hat aber nicht nur im Gebiet des Alpinismus die Grenzen des Möglichen ausgekitzelt. So hat er schon die Antarktis auf Skis überquert, oder die 2‘000 Kilometer der Wüste Gobi durchreist.

Als Zeichen der Anerkennung für seine Leistungen hat Messner bereits zahlreiche Preise und Ehrungen erhalten, unter anderem die Patron’s Medal der Royal Geographic Society – einer der höchsten Auszeichnungen des britischen Königshauses.

Eine ganz neue Rolle übernahm Messner im Jahre 1999, als er für die Südtiroler Grünen ins Europäische Parlament gewählt wurde. Seitdem widmet sich der vierfache Vater vor allem seiner Messner Mountain Museum und seiner Stiftung Messner Mountain Foundation, die Bergvölker weltweit unterstützt.