Reglos bleibt sie liegen, bis ihr 6-jähriger Sohn Hilfe holt. Als sie im Spital aufwacht, ist sie einseitig gelähmt und hat Ihre Sprache verloren. Stark eingeschränkt im Reden bewältigt die 43-Jährige ihren Alltag heute zum Glück wieder eigenständig – und hat ein Ziel: sich wieder allein um Ihre Kinder zu kümmern.

«Ich lag am Boden und hörte, wie meine Kinder weinen, doch ich konnte mich nicht rühren», erinnert sich Michèle M. an den Tag, der ihr Leben von Grund auf veränderte. Die damals 38-jährige Mutter verrichtet am 2. September 2008 Hausarbeiten.

Plötzlich bricht sie zusammen. Ein Hirnschlag. Für ihre beiden Kinder, den damals 6-jährigen Tamatea und die 4-jährige Taimana ist der Zusammenbruch der Mutter ein Schock. Doch Tamatea reagiert und holt Hilfe bei der Nachbarin. Diese verständigt den Notruf. Als Michèle M. aufwacht, kann sie nicht mehr sprechen und ist halbseitig gelähmt

Das Leben vor dem Hirnschlag

Der Hirnschlag markiert für die heute 43-jährige eine Trennung zwischen zwei Leben: «Mein Leben heute und mein Leben davor sind ganz unterschiedlich.» Die gelernte Kosmetikerin war an Sprachen interessiert, verständigte sich fliessend auf Englisch und Französisch und reiste um die Welt; am liebsten nach Neuseeland.

«Ich hab viel gearbeitet, zuerst als Kosmetikerin, später in der Bank. Sogar in Frankreich hatte ich eine Stelle», erzählt sie. Sie lernte Ihren Mann kennen, der von den neuseeländischen Maori abstammt. Die beiden heirateten und sie bekamen zwei Kinder, Tamatea und Taimana.

«Die Namen sind von den Maori und ich habe sie ausgewählt», sagt sie. In der Ehe aber begann es zu kriseln und im Jahr 2008 trennte sich dann das Paar. «Das war fünf Monate vor meinem Hirnschlag.»

Deutsch von Grund auf neu gelernt

Der Schlaganfall der Mutter pflügt das Familienleben nochmals um. Die Kinder wohnen beim Vater, während Michèle M. im Spital liegt. Anschliessend verbringt sie fünf Monate in der Rehabilitationsklinik. Von Grund auf, musste sie die deutsche Sprache wieder lernen.

Stockend berichtet sie von den Ereignissen, von den Therapien und auch davon, wie sie täglich früh aufsteht, um Sprach- und Gehübungen zu machen. Noch heute ist sie im Sprechen stark eingeschränkt. Sie sucht nach Begriffen, reiht tastend Wörter zu Sätzen zusammen. Manchmal gelingen ihr nur Satzfragmente, andere Sätze aber formuliert sie klar.

«Ich will das alles wieder können und wieder für meine Kinder sorgen», sagt sie bestimmt. Sie kämpft mit den Tränen, wenn sie von Ihrem Hirnschlag spricht. «Nicht immer fällt es mir leicht, mein Schicksal zu akzeptieren.»

Erste Rückkehr nach Hause misslingt

Als sie aus der Rehabilitationsklinik nach Hause zurückkehrt, ziehen die Kinder wieder zu ihr. Michèle M. ist praktisch auf sich allein gestellt. Nur unterstützt durch ein Kindermädchen, will sie wieder für ihren Sohn und Ihre Tochter sorgen.

«Doch das ging leider nicht gut. Das Kindermädchen war frech zu mir und ich konnte mich kaum wehren», erinnert sie sich. Der Wortgewalt der Kinderbetreuerin war sie irgendwann nicht mehr gewachsen. Die Situation eskalierte und Michèle M. musste daraufhin vorübergehend in eine Wohngruppe ziehen. Die Kinder kehren derweil zum Vater zurück.

Die Wohnbegleiterin als Übersetzerin

Als Michèle M. wieder in eine eigene Wohnung zieht, bekommt sie durch eine Wohnbegleiterin Unterstützung. Die Kinder aber bleiben beim Vater und besuchen ihre Mutter jedes zweite Wochenende.

Die Wohnbegleiterin hilft ihr bei administrativen Fragen, übernimmt organisatorische Aufgaben rund um die Kinderbetreuung und begleitet sie zu Terminen bei Behörden, Schulen oder Banken. «Sie kann das zwar sehr gut selbst, doch manchmal braucht es mich als eine Art Übersetzerin wegen ihrer Sprechbeeinträchtigung», erklärt die Wohnbegleiterin. Auch den Kontakt zum Beistand der Kinder pflegt sie.

Die Therapien und die Übungen prägen den Alltag von Michèle M. Daneben besucht sie Treffen für Menschen mit Hirnverletzungen, sowie Malkurse im Selbsthilfezentrum.

«Das Malen habe ich nach dem Hirnschlag neu für mich entdeckt. Es ist mir sehr wichtig.» Gerne setzt sie sich mit ihrer Tochter an den Tisch und malt mit ihr. «ihr macht das grossen Spass und das bedeutet mir viel.» Auch Freunde sieht sie ab und zu auf einen Kaffee. «Doch viele Freundschaften sind nach dem Hirnschlag in die Brüche gegangen», fügt sie an. Vielen hätte die Geduld gefehlt, sich mit einer Frau zu unterhalten, die beim Formulieren Mühe hätte.

Schwierige Mutterrolle

Wenn die 9-jährige Taimana und der 11-jährige Tamatea Ihre Mutter besuchen, ist eine Familienbegleiterin zugegen, denn ganz allein kann Michèle M. die Betreuung ihrer Kinder noch nicht übernehmen. Die Kinder haben sich an die neue Situation gewöhnt.

Ihre Mutterrolle trotz Ihrer Beeinträchtigungen auszuüben, ist für die 43-Jährige nicht leicht. «Ich möchte meine Kinder viel häufiger sehen», sagt sie, doch weil sie auf Hilfe angewiesen ist, lässt sich das nicht einfach so umsetzen.

Sie nicht mehr wiedersehen zu können oder als Ihre Mutter nicht ernst genommen zu werden, sei ihre grösste Angst. Doch die Zeit mit den Kindern geniesse sie – und während der Schulferien sind sie auch mal länger bei ihrer Mutter. Dass sie irgendwann immer bei ihr wohnen können, ist Michèle M.s grösster Traum.

Und einen weiteren Traum hat sie sich bewahrt: «Irgendwann möchte ich wieder nach Australien und Neuseeland reisen können, am liebsten zusammen mit meinen Kindern.»

Weitere Informationen: www.fragile.ch und www.samariter.ch