Wie haben Sie gemerkt, dass mit Ihrem Körper etwas nicht in Ordnung war?

Ich hatte ein starkes Erschöpfungsgefühl und fühlte mich sehr schwach. Joggen, was ich immer sehr gerne gemacht hatte, ging plötzlich kaum mehr. Ich habe gespürt, dass mit meinem Körper etwas nicht in Ordnung ist. Als ich bei meinem Hausarzt war, teilte ich ihm dies mit. Er machte ein Blutbild und dieses war sehr auffällig. So wurde ich an eine Hämatologin überwiesen, die zuerst auf eine Autoimmunkrankheit tippte.

Ich musste regelmässig Blutbilder bei ihr machen, die sie auf Veränderungen überwachte. Als jedoch wiederkehrende Infekte zu meiner zunehmenden Erschöpfung hinzukamen, riet sie zur Rückenmarkpunktion. Diese brachte ans Licht, was eigentlich niemand geglaubt hatte – akute myeloische Leukämie. Meine Form der akuten myeloischen Leukämie ist sehr selten und weltweit sind nur sechs bis neun Fälle bekannt. Von Anfang an war klar, dass ich auf eine Blutstammzellspende angewiesen bin und ohne keine Chancen habe.

Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Ich war völlig unter Schock und habe gehofft, endlich aus diesem Albtraum zu erwachen. Es war alles so surreal;
ich wurde im wahrsten Sinne des Wortes mitten aus dem Leben gerissen. Ich habe einfach alles über mich ergehen lassen und mich in die Hände der Mediziner gegeben. Zum Glück hatte ich ein tolles Umfeld, das mich zu jedem Zeitpunkt unterstützte und mir Kraft gegeben hat. Mir war allerdings auch von Anfang an klar, dass ich diesen Kampf kämpfen werde und gewinnen muss.

Mir war von Anfang an klar, dass ich diesen Kampf gewinnen muss

Wie ging es dann weiter?

Nachdem man wusste, an welcher spezifischen Form ich leide, musste ich zur Chemotherapie ins Spital. Diese dauerte recht lange und pro Zyklus war ich vier Wochen im Krankenhaus. Ich habe zwei solcher Zyklen hintereinander gehabt und durfte dann drei Wochen nach Hause. Während des dritten Zyklus habe ich die Nachricht erhalten, dass ein geeigneter anonymer Spender gefunden wurde.

Was war das für ein Moment, als Sie erfahren haben, dass ein passender Spender gefunden wurde?

Einerseits war ich überglücklich und habe mich bei Gott bedankt. Andererseits hatte ich eine grosse Angst, mich zu früh zu freuen, da mir bewusst war, dass der Spender sein Einverständnis jederzeit noch zurückziehen konnte.

Wie haben Sie die Transplantation erlebt?

Ich schaute dem Tag der Transplantation mit grosser Hoffnung und auch Freude entgegen. Die Vorbereitungen für die Transplantation dauerten acht Tage. Zuerst bekam ich eine hochdosierte Chemotherapie, danach eine mildere Chemo zur Abtötung von Magen- und Darmbakterien und eine dreitägige Ganzkörper-Bestrahlung. Und dann folgte die Transplantation. Diese kann man sich vorstellen wie eine Bluttransfusion. Der Moment, als die fremden Blutstammzellen dann endlich in meinen Körper flossen, war sehr emotional für mich.

Es war mir bewusst, dass diese Zellen meine einzige Chance auf ein neues Leben sind. Gleichzeitig hatte ich grosse Angst, es überkam mich Panik: Was, wenn mein Körper die transplantierten Zellen abstösst? Während zwei Jahren ist diese Wahrscheinlichkeit relativ gross. Die ganze Transplantation dauerte eine Stunde und ich bekam dadurch ein völlig neues Immunsystem. Die folgenden 100 Tage musste ich in Quarantäne leben, um mein fragiles Immunsystem nicht zu gefährden.

Inzwischen sind drei Jahre seit der Diagnose vergangen. Wie geht es Ihnen heute?

Es geht mir sehr gut. Auch wenn die Angst immer bleibt, dass ich einen Rückfall erleiden könnte oder dass mein Körper die Stammzellen doch noch abstösst. Körperlich bin ich nicht mehr so leistungsfähig wie früher, ich werde schneller müde und schnappe fast jeden Infekt auf. Zudem bin ich empfindlicher und empfindsamer geworden.

Doch ich spüre auch eine grosse Dankbarkeit in mir. Mir wurde ein zweites Leben geschenkt und dafür bin ich meinem Spender unendlich dankbar. Ich sehe mein Leben heute anders als vor der Krankheit und lebe bewusster. Ich möchte jeden Moment geniessen.