Mediaplanet: Wie geht es Ihnen heute – ein halbes Jahr nach dem Unfall?
Didier Défago: Im Augenblick geht es mir sehr gut. Seit Anfang April stehe ich wieder auf den Skiern und versuche täglich kleine Fortschritte zu erzielen.

Was für ein Gefühl war es, nach so langer Zeit wieder die Piste hinunterzusausen?
Es war ein tolles Gefühl endlich wieder Skier an den Füssen und Schnee unter den Skiern zu fühlen. Ich habe diesen Zeitpunkt sehnsüchtig erwartet und sehr genossen. Seit diesem Moment bin ich fast täglich auf den Skiern. Allerdings fahre ich derzeit nur frei, um die Basistechniken wieder zu trainieren und das Knie noch zu schonen.

Wie gelangen Ihnen Ihre ersten Läufe?
Sehr gut. Was mich ein wenig überrascht hat. Jede Übung, die mir gezeigt wurde, gelang auf Anhieb und ohne Schmerzen. Auch kraftmässig sieht es momentan positiv aus. Ich bin wirklich dankbar, dass der Wiedereinstieg bislang so gut verlaufen ist.

Was ging in Ihnen vor, als Ihnen der Arzt das Saison-Aus mitteilte?
Schon als ich auf dem Gletscher lag und mein Bein kaum noch bewegen konnte, wusste ich, dass es schlecht um mein Knie steht. Die Diagnose war ein riesiger Frust und die ersten Wochen enorm schwierig. Meine Familie unterstütze mich allerdings sehr und so konnte ich die Zeit sogar geniessen. Ich habe Dinge mit ihnen erlebt, die ich ohne den Unfall wohl verpasst hätte.

Was zum Beispiel?
Während unserer Ferien im November habe ich die ersten Worte meines Sohns Timeo miterlebt. Das war wunderschön.

Bereits kurz nach dem Unfall sagten Sie, dass Sie nicht einmal ans Aufhören denken würden.
Das war tatsächlich nie ein Thema. Ich hatte gerade erst Olympiagold in Vancouver geholt. Ich wollte durchstarten, nicht aufhören. Verletzungen gehören zum Spitzensport. Der Kreuzbandriss war mein erster schwerwiegender Unfall, womit ich mich eigentlich glücklich schätzen kann. Natürlich wünscht sich niemand einen solchen Bruch in der Karriere. Doch man kann sich seinen Weg eben nicht immer aussuchen und muss auch mit Tiefs umgehen können. Für mich war klar, dass diese Verletzung nicht das Ende bedeuten würde.

Zweifelten Sie nie daran, dass Sie das Comeback schaffen ­würden?
Ich bin nicht mehr 20 Jahre jung. Selbstverständlich habe ich mir die Frage gestellt, wie schnell sich mein Körper von diesem Unfall erholen würde. Während meiner Rehabilitationszeit habe ich weiterhin Skirennen verfolgt – live oder am TV. Das war nicht dasselbe. Skifahren ist mein Leben. Ich will zurück. Mein grosses Ziel ist es, wieder dorthin zu kommen, wo ich vor dem Unfall war. Ich kann es schaffen, wenn ich mich richtig anstrenge.

Während den ersten drei Monaten mussten Sie sich schonen. Wie hielten Sie diese Passivität aus?
Es war nicht einfach. Ich versuchte mich fit zu halten und wenigstens meinen Oberkörper zu trainieren, um nicht sämtliche Muskeln zu verlieren.

Nach dieser ersten Ruhezeit durften Sie wieder mit leichtem Krafttraining beginnen?
Ja, richtig. Ich versuchte das Knie wieder leicht zu belasten und durch gezieltes Training langsam den Weg zurück zur meiner ursprünglichen Form zu schaffen. Ich hatte noch nie einen solchen Unfall, weshalb es für mich sehr schwierig einzuschätzen war, was ich mir zumuten darf und was nicht. Auch meine Leistungen konnte ich kaum einordnen. Unweigerlich drängte sich der Vergleich mit meinen Leistungen vor dem Unfall auf. Es ist schwierig zu akzeptieren, dass der Aufbau seine Zeit dauert.  

Müssen Sie sich stark zurückhalten, damit Sie Ihr Bein nicht überbelasten?
Endlich wieder zurück auf der Piste fiel es mir tatsächlich enorm schwer, mich irgendwie zurückzahlten, denn ich spüre täglich wie die Kraft in meine Beine zurückkehrt. Ich merke, nun geht’s vorwärts.