Innerhalb weniger Tage verlor er 80% seiner Sehkraft. Mit diesem dramatischen Einschnitt begann für ihn eine Berg- und Talfahrt. Oder wie er sein Leben gerne bildhaft beschreibt: An manchen Tagen waren die Treppen steil und schmal und an anderen gingen sie fast senkrecht ­hinunter. Um nicht in der Behindertenwerkstatt zu enden, entschied sich Saliya Kahawatte bereits früh dazu, seinen Mitmenschen die Krankheit zu verheimlichen.

Und dies tat er sehr erfolgreich: Obwohl er kaum etwas sah, schaffte er eine Karriere in der Gastronomie – bis zum Restaurantmanager. Doch sein Lebenskonstrukt aus Lügen machte sich nicht bezahlt: Das «Treppenhaus» fiel in sich zusammen, der damals 33 jährige erlitt einen schweren Zusammenbruch. Dann kam der Wendepunkt. Er entschied sich für das Leben und zu seiner Sehbehinderung zu stehen. Sechs Jahre ist das nun her. In dem Buch «Blind Date mit dem Leben»  hat er seine eindrückliche Geschichte verarbeitet. Heute ist er ein erfolgreicher Unternehmensberater, Coach und Motivationstrainer.

Herr Kahawatte, was sehen Sie?

Ich sehe hell und dunkel. Und Umrisse, zweidimensionale und je nach Lichtverhältnissen dreidimensionale Räume. Und dann ist da ein Farbenbrei – allerdings nicht so kräftig, wie Sie Farben sehen. Irgendwie verrückt. Manche nehmen Drogen, um die Welt so zu sehen. Aber ernsthaft, ich sehe halt vor allem mit den Ohren.

Ein guter Zuhörer also ...

Aber sicher. Das ist meine Lebensversicherung. Aber natürlich kommen auch noch die anderen Sinne dazu: Sozusagen ein Dreiklang: Ein Rest Sehvermögen, dann ganz viel Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken. Ich vertraue auf meine Instinkte: Am Ende habe ich ein gutes Bild von meinem Gegenüber. Meist ein viel Besseres als mancher Sehende. Das ist den Leuten nicht immer angenehm. Sie spüren, dass Sehbehinderte sich nicht blenden lassen vom Auftritt. Die Menschen sind für uns sozusagen nackt. Das kann schon verunsichern.  

Blinde Menschen blicken ja ­irgendwo in die Ferne. Sie aber nehmen Augenkontakt auf. Das ist ungewöhnlich, aber sehr ­angenehm.

Danke, das habe ich hart trainiert. Nun, man sollte nicht merken, dass ich fast blind bin. Ich wollte mich unter keinen Umständen behindern lassen und habe mich entschieden, so hart an mir zu arbeiten, dass es niemand merkt. Ich orientiere mich übrigens am Ton. So stelle ich fest, wo der Mund ist, und richte meine Augen etwas höher aus: und schon, haben wir Augenkontakt. Ich finde, man muss den Sehenden auch helfen.

Ist es denn nicht schwierig sich als sehbehinderter Mensch zu ­integrieren?

Immer dieses Behindertengerechte, das ist doch Quatsch. Ich mag es auch gar nicht, wenn Leute ihre Behinderung wie eine Laterne vor sich hertragen. Wer in der Sehenden-Welt mitspielen will, muss sich anpassen. Alles ist erlernbar, wenn man will. Klar, man muss das Dreifache einbringen um denselben Umsatz zu erreichen. Und ein endloser Wille hilft. Diese Entscheidung muss jeder für sich treffen.

Es gibt Menschen, die brauchen den Cocon einer Behinderteneinrichtung. Das ist auch in Ordnung. Ich könnte heute in einer Behindertenwerkstätte Topflappen stricken. Aber ich muss schon sagen: «Das ist nicht mein Ding.» Abgesehen davon, finde ich es eine ­Katastrophe wenn sich talentierte, Menschen auf Staatskosten in einem Blindenheim langweilen. Mit der heutigen Technik ist es gut möglich auch Menschen mit einer Sehbehinderung in einem Unternehmen zu integrieren. Ich finde es wichtig , dass man die Leute möglichst lange im normalen Lebenszyklus lässt.

Gab es für Sie nie eine Chance auf Heilung?

Nein, das war eigentlich sofort klar. Ich ging von Augenklinik zu Augenklinik. Die Krankheit entwickelt sich progressiv – heute bin ich bei einer Sehkraft von 5% angekommen. Bald fällt der Vorhang. Das weiss ich.  Es ist okay. Ich sehe mich nicht als Behinderter. Die Erblindung ist eine Herausforderung mich dem Leben zu stellen. Es sind ja nicht die Dinge, die positiv oder negativ sind, sondern unsere Einstellung.