Viele Parkinson-­Patienten ­haben Angst in der ­Öffentlichkeit stigmatisiert zu werden. Zu Recht?

Matthias Oechsner: Tatsächlich glaube ich, dass die Öffentlichkeit nicht schlecht aufgeklärt ist. Viele Leute erkennen das Zittern mittlerweile als neurologische Krankheit und nicht etwa als Folge von Alkoholismus.

Also entsteht die Unsicherheit vor allem im Kopf des Patienten?

Ich denke, dass sich viele Patienten diesbezüglich zu viele Sorgen machen. Dennoch kann ich die Betroffenen verstehen, zumal sie manchmal in sehr unangenehme Situationen kommen, etwa wenn sie sich beim Einsteigen in einen Bus, plötzlich nicht mehr be­wegen ­können.

Und genau dieser Druck ist es, der den Patient so blockiert, dass er sich nicht mehr bewegen kann.

Richtig. In Situationen in der ein Patient aufgeregt ist oder verschiedene Dinge gleichzeitig machen soll, kann etwas oder sogar beides nicht mehr funktionieren. Da spielen viele Dinge wie Aufmerksamkeit, Angst, aber auch Konzentrationsvermögen eine Rolle.

Häufig wissen Patienten aber lange Zeit gar nichts von ihrer Krankheit...

Das stimmt. Und das obwohl man heute sehr viel mehr darüber weiss als früher. Während man vor wenigen Jahren noch glaubte, dass Parkinson mit der Verlangsamung von Bewegungen beginnt, weiss die Wissenschaft heute, dass häufig­ Schlaf- oder Riechstörungen oder auch Depressionen vorausgehen.

Diese unspezifischen Vorzeichen, können natürlich auch auf andere Krankheiten zutreffen. Dies ist der Grund weshalb viele Parkinson-Patienten jahrelang von Arzt zu Arzt laufen ohne die richtige Diagnose zu erhalten.

Inwiefern nützt dem Patienten überhaupt eine Frühdiagnose bei einer un­heil­baren Krankheit?

Der Vorteil besteht darin, dass der Patient Bescheid weiss. Auch wenn die Krankheit nicht geheilt werden kann, können zumindest viele Symptome behandelt werden.  

Die Krankheitsbilder variieren­ bei Parkinson-Patienten sehr stark. Gibt es bei der ­Behandlung dennoch einen gemeinsamen Nenner?

Die Krankheit ruft einen bunten Straus von Beschwerden hervor, die fast jedes Organ im Körper betreffen kann. Dementsprechend vielfältig sind die Symp­tome und somit auch die Behandlungen.

Hinzu kommt, dass die Verträglichkeit der Medikamente hochindividuell ist. Es braucht viel Erfahrung, um eine passende Zusammensetzung zu finden.

Und genau diese Erfahrung ­bietet das Parkinsonzentrum an. Welche Vorteile bringt die statio­näre Rehabilitation bei einem ­Parkinson-Patienten?

Der Vorteil der Rehabilitation besteht in der Zeit – also ein wesentlicher Faktor für einen Parkinson-Patienten. Die Spezialisten können die Medikation während zwei bis drei Wochen beobachten und verändern.

Zusätzlich gibt es auch Symptome wie etwa Sprachstörungen, die nicht durch Medikamente, sondern nur durch spezielle Trainings behandelt werden können. Wir möchten den Patienten Übungen mit auf den Weg geben, so dass die Reha nicht bei Austritt endet, sondern auch daheim weiter geht.

Parkinson ist nicht heilbar. Auf was also arbeiten die Patienten in der Reha hin?

Selbstverständlich müssen die Reha-Ziele bei Parkinson-Patienten ­realistischer definiert werden als bei heilbaren Krankheiten. Es geht hier vor allem um die Verbesserung der Lebensqualität. Schon kleine Fortschritte können den Alltag erheblich erleichtern.

Wie dominant ist die psychische Behandlung bei Parkinson?

Gerade zu Beginn der Krankheit ist dies natürlich ein wichtiges Thema. Hier scheint der Nimbus allerdings mittlerweile etwas gross zu sein. Jeder denkt gleich an den letzten Papst und befürchtet schon in Kürze im Rollstuhl zu sitzen. So ist es glücklicherweise in den meisten Fällen nicht.

Parkinson ist weder ein Todesurteil noch bedeutet es im Normalfall, dass man innert weniger Jahre gehunfähig wird. Gerade zu Beginn der Krankheit gibt es glücklicherweise eine Vielzahl an Medikamenten, welche die Symptome mindern.