Diese Einsichten werden nicht nur die Neurologie, sondern auch die Psychiatrie und Psychologie nachhaltig beeinflussen, denn mit den neurowissenschaftlichen Erkenntnissen hat sich auch das Verständnis über die Funktionsweise von psychischen Funktionen deutlich verändert.

In diesem Zusammenhang kann man auch feststellen (obwohl es viele aus verschiedenen Gründen nicht gerne zur Kenntnis nehmen), dass sich die Psychiatrie und die Psychologie zunehmend zu neurowissenschaftlich fundierten und orientierten Disziplinen verändert haben.

«Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört»

Man könnte auch in Anlehnung an ein bekanntes Zitat von Willi Brandt formulieren: «Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.» Es setzt sich nämlich zunehmend die Erkenntnis durch, dass das menschliche Gehirn für unser Verhalten, Denken und Fühlen vollumfänglich verantwortlich ist.

Kein ernst zu nehmender Neurowissenschaftler würde heutzutage noch einen Dualismus mit einer vom Körper unabhängigen Seele annehmen.

Wir sind heutzutage zunehmend davon überzeugt, dass unser Denken, Fühlen und Handeln durch das Gehirn bestimmt und generiert wird. Demzufolge muss man psychische Störungen als Folge von Dysfunktionen (vorübergehende oder andauernde) auffassen.

Ein weiterer Aspekt, der durch die moderne Forschung deutlich wurde, ist die Tatsache, dass die chemischen Prozesse im Gehirn zwar wichtig, aber letztlich für viele Funktionsabläufe im Gehirn eher zweitrangig sind.

Viel wichtiger sind höchstwahrscheinlich die neurophysiologischen beziehungsweise elektrischen Abläufe im Gehirn. Der ehemalige Direktor des NIMH (National Institute of Mental Health) in Washington, Thomas Insel, hat einmal auf einem Vortrag treffend formuliert: «We are at an extraordinary moment when the entire scientific foundation for mental health is shifting, with the 20th century discipline of psychiatry becoming the 21st century discipline of clinical neuroscience.»

Er sieht die Psychiatrie als eine neurowissenschaftliche Disziplin, in der die neurophysiologischen Schaltkreise des Gehirns und deren effektives und weniger effektives Funktionieren für das Verständnis psychischer Störungen viel wichtiger sind als chemische Prozesse.

Diese Sichtweise ist auch genährt durch die Erkenntnis, dass das menschliche Gehirn ein enorm grosses Neuronennetzwerk ist. Es besteht aus circa 100 Milliarden Nervenzellen, wobei jede Nervenzelle über 10'000 bis 100'000 Verbindungen mit anderen Nervenzellen verfügt. In diesem Netzwerk werden Informationen vorrangig elektrisch ausgetauscht, was sich durch ein ständiges Oszillieren der elektrischen Aktivität innerhalb der Neuronennetzwerke zeigt.

Diese Oszillationen wandern im Millisekundentakt über das Gehirn. Hirngebiete, die vorübergehend miteinander besonders intensiv kommunizieren, weisen gleichsinnige Oszillationsmuster auf, die nach kurzer Zeit wieder zusammenbrechen, um dann anderen Erregungsmustern Platz zu machen.

Diese wandernden «Erregungswellen» erlauben das elegante «Zusammenschalten» von Nervenzellgruppen zu eng miteinander agierenden Funktionsgruppen, welche wir als funktionelle Netzwerke bezeichnen.

Diese Netzwerke bieten enorm viel Speicher- und Prozessierungskapazität und sind (was bis vor circa 30 Jahren weitgehend unbekannt war) hochgradig plastisch angelegt, denn sie verändern sich ständig infolge von Erfahrung. In anderen Worten: Der «Michelangelo» dieser Netzwerke ist das, was wir tun und wie wir es tun.

Diese Plastizität bleibt ein ganzes Leben lang erhalten und muss nur durch die richtigen oder besser gesagt adäquaten Interventionen ausgelöst werden.

Wie wir die Plastizität effizient auslösen und die Netzwerkveränderungen in die gewünschte Richtung drängen, ist eine der spannendsten Forschungsfragen, an denen Neurowissenschaftler, Biochemiker, Genetiker, Ingenieure und Computerwissenschaftler aktuell arbeiten.

Mit Hochdruck wird an modernen Gentechniken gearbeitet, die es ermöglichen, genetisch bedingte Erkrankungen des Gehirns zu behandeln oder den Ausbruch der Krankheit zu verhindern oder zu verzögern.

Vielversprechend sind allerdings auch moderne Behandlungsansätze, mit denen es möglich sein wird, die Hirnaktivität durch Training, Selbstbeeinflussung oder in Kombination mit virtuellen Realitäten zu modifizieren.

Damit wird es dem Menschen in Zukunft möglich sein, sein Gehirn und damit auch sich selbst in einer nie zuvor für möglich gehaltenen Art und Weise zu verändern und zu beeinflussen.