Warum ist dieses bezogen auf den Gesamtkörper winzige Organ ein derartiger Energievampir? Das Gehirn ist zunächst ein sehr schlechter Energiespeicher. Deshalb muss ständig Energie und Sauerstoff von aussen – über das Blut – zugeführt werden. Darüber hinaus besteht das Organ aus etwa 80 bis 100 Milliarden Nervenzellen.

Jede dieser Nervenzelle verfügt im Durchschnitt über etwa 10000 Verbindungen zu anderen Nervenzellen. Die Menge dieser neuronalen Verknüpfungen ist also gigantisch und für uns in ihrer Grössenordnung nicht mehr fassbar. Und all diese neuronalen Verknüpfungen werden durch das 'Feuern' unserer Neuronen aufrechterhalten oder ausgebaut. All das kostet natürlich sehr viel Energie.

Im Übrigen verfügt kein anderes Tier über so viele Nervenzellen wie das menschliche Gehirn. Selbst die Gehirne der riesigen Blauwale oder der Elefanten, die drei- bis viermal so schwer und voluminös sind, verfügen über weniger Nervenzellen als das menschliche Gehirn. Wahrscheinlich existiert kein anderes biologisches System auf der Welt, das derart komplex ist wie das menschliche Gehirn.

Symphonie versus 'Punkt 12'

Dieses enorm grosse Netzwerk bietet die anatomisch-strukturelle und neurophysiologische Grundlage für die enormen Fähigkeiten des Menschen. Es generiert Fähigkeiten, die in dieser Kombination einzigartig sind.

Viele Tiere verfügen zwar über hoch spezialisierte Anpassungen an ihre ökologischen Nischen und können Spezialleistungen erbringen, zu denen ein Mensch kaum oder nie fähig wäre. Der Mensch ist allerdings ausserordentlich kreativ, wobei seine Kreativität nicht nur Gutes und Effizientes hervorbringt.

Im Grunde ist die Spannweite seiner Verhaltensmöglichkeiten kaum begrenzt und reicht von der Komposition wunderschöner Symphonien bis zum unreflektierten Konsum dumpfer Nachmittagsfernsehprogramme.

6'000 Sprachen

Der Mensch ist prinzipiell in der Lage, 6000 Sprachen und 20000 Dialekte zu lernen, er kann fliegen, hat sich viele ökologische Nischen erschlossen, aber er kann sich auch selbst vernichten oder ungemein stark vermehren.

Interessant ist, dass sich der Mensch wahrscheinlich gerade wegen seiner enormen Lernfähigkeit das Leben 'einfach', aber auch 'schwer' machen kann. Seine Kulturfähigkeit macht ihn anpassungsfähig und friedfertig, aber gleichzeitig auch rigide und feindlich.

Anforderungen der Zukunft

Das Hirnnetzwerk ist nicht statisch und genetisch vorprogrammiert, sondern wird ständig verändert, angepasst und erweitert, wobei diese Veränderungen vor allem durch unsere individuellen Erfahrungen moduliert werden. Wenn man so will, ist der 'Michelangelo' unseres Gehirns unsere eigene individuelle Erfahrung.

Diese Veränderbarkeit des Gehirns ist eine besondere und hilfreiche Eigenschaft, die dazu beiträgt, dass wir uns an verschiedene kulturelle Umgebungen anpassen können. Es wird spannend werden zu erfahren, wie sich unser Gehirn an die Anforderungen der Zukunft anpassen wird.

Wird unser Gehirn sich im Zuge der digitalen Informationsflut zu einem Multitasking-Gehirn verändern? Wird sich unser Sozialverhalten verändern, weil sich unsere Kommunikationen und Kommunikationswege verändern?

Wenn das Gehirn wirklich so plastisch ist (wovon ich überzeugt bin), dann müssten sich die neuronalen Netzwerke an diese neuen Herausforderungen mehr oder weniger elegant anpassen. Vielleicht werden wir in Zukunft auf Avatare, Roboter und andere 'digitale' Besonderheiten vollkommen anders reagieren als heute.

Keine Psyche ohne Gehirn

Das Gehirn mit seinem fantastischen Netzwerk generiert und kontrolliert unser Denken, Fühlen, Handeln und Wahrnehmen. Eine Psyche (oder Seele) ist demzufolge ohne Gehirn nicht möglich, ausser man glaubt an eine Seele, die losgelöst von neuronaler Aktivität existiert und ohne Bezug auf physikalische Gesetze ihre Kräfte entfaltet.

Man mag daran glauben, aber eine solche Existenz ist auf der Basis aktueller neurowissenschaftlicher Kenntnisse schwer vorstellbar, geschweige denn belegbar.

Therapieren von Hirnfunktionsstörungen

Besonders wichtig ist meines Erachtens, dass es den Neurowissenschaftlern und Neurologen in der Zukunft gelingt, mehr Kenntnisse über die Funktion des gesunden und gestörten Gehirns zusammenzutragen.

Dann wird es auch zunehmend möglich sein, die teilweise schwerwiegenden psychischen Folgen von Hirnfunktionsstörungen zu therapieren. Wir müssen aus der Kenntnis der Funktionsweise des Gehirns neue Therapiemöglichkeiten für neurologische und psychiatrische Erkrankungen entwickeln.

Dabei müssen wir auf die Plastizität des menschlichen Gehirns setzen und die bereits bekannten Möglichkeiten ausreizen, aber auch neue finden und sie gewinnbringend einsetzen.

Effizienteres Verhalten gesunder Menschen

Vielleicht gelingt es uns dann, nicht nur psychiatrische und neurologische Erkrankungen besser und effizienter durch therapeutische Eingriffe zu therapieren, sondern auch das Verhalten der gesunden Menschen effizienter zu gestalten.

Vielleicht gelingt es uns dann auch, uns lern- und vernunftfähiger zu machen, unsere Empathie zu verbessern, die Lernfähigkeit bis ins hohe Alter zu steigern, unsere Kreativität zu vermehren und uns endlich einmal zu einem wirklich friedfertigen Wesen zu verändern.