Der Nutzen und die Bedeutung von Nabelschnurblut seien enorm wichtig in der Stammzellenbehandlung, sagt Daniel Surbek, Professor und Chefarzt Geburtshilfe und feto-maternale Medizin sowie Co-Direktor der Universitätsklinik für Frauenheilkunde am Inselspital Bern.

«Es handelt sich dabei um einen der bedeutendsten Fortschritte in der Medizin der letzten Jahre.» Die klinische Forschung im Bereich Geburtshilfe und feto-maternale Medizin am Inselspital hat zwei Schwerpunkte: Erstens die Erforschung von Methoden zur Frühentdeckung und Prävention der Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung) und deren Langzeitfolgen für Mutter und Kind, zweitens die Forschung mit Stammzellen zum Beispiel aus der Plazenta (Mutterkuchen) zur vorgeburtlichen Therapie von genetischen Krankheiten und zur Therapie der peripartalen Hirnschädigung bei Frühgeburten mittels Stammzelltransplantation.

Geringere Abstossungsreaktionen

Das Nabelschnurblut zeichne sich durch besondere Eigenschaften aus, erläutert Surbek. «Die Zellen stammen vom Neugeborenen und sind deshalb unreif. Dadurch haben sie einerseits ein grösseres Potenzial zur Proliferation, das heisst zur Vermehrung, sowie andererseits zur erwünschten Differenzierung.»

Zudem sind sie weniger immunogen und führen deshalb zu geringeren Abstossungsreaktionen nach der Transplantation. Dies im Vergleich zu Zellen aus Knochenmark oder Blut eines älteren Kindes beziehungsweise eines Erwachsenen. Das Ausmass der Immunogenität eines Stoffes ist von mehreren Faktoren abhängig.

Dazu zählen insbesondere Körperfremdheit (Gewebstyp), Molekülgrösse und chemische Struktur. «Bei bestimmten Erkrankungen ist unter Umständen eine Transplantation von Blutstammzellen indiziert», betont Daniel Surbek.

Die wichtigsten Indikationen betreffen Leukämien, Erkrankungen des blutbildenden Systems wie zum Beispiel die aplastische Anämie, genetische Krankheiten wie schwere Immundefizienzen, Thalassämien oder Stoffwechselkrankheiten und Autoimmunerkrankungen, darunter die Multiple Sklerose, die aktuell erforscht wird.

Menge ist begrenzt

Bei weiteren Indikationen, die derzeit noch nicht routinemässig etabliert sind, handelt es sich um verschiedene Knochenkrankheiten, den Herzinfarkt, Diabetes sowie neurologische Erkrankungen, etwa die Zerebralparese wegen Geburtsschädigung (Frühgeburt oder Sauerstoffmangel bei Geburt), Hirninfarkt, Parkinson und die traumatische Querschnittlähmung.

Neben den bereits erwähnten Vorteilen zeichnen sich Stammzellen aus Nabelschnurblut im Vergleich zu Stammzellen aus dem Knochenmark auch dadurch aus, dass es sehr viele potenzielle Spender gibt. Die Gewinnung der Zellen erfolgt risikolos und schmerzfrei, und die Zellen stehen jederzeit zur Verfügung, da sie in Banken eingefroren werden können.

Die Kehrseite der Medaille besteht in den verhältnismäs­sig hohen Kosten bei der Entnahme und Einlagerung in Banken. Zudem ist die Menge an Stammzellen pro Nabelschnurblutspende begrenzt. Gemäss Surbek sind in der Schweiz derzeit über 3600 Nabelschnurblut-Konserven in öffentlichen Banken und eine noch grös­sere Zahl in privaten Banken eingelagert.

«Alle werdenden Eltern sollten über beide Möglichkeiten, die Spende von Nabelschnurblut oder Einlagerung in eine private Bank, das heisst Eigenspende von Nabelschnurblut und Nabelschnurgewebe, aufgeklärt werden», betont der Facharzt. Bei der Eigenspende wirkt sich vorteilhaft aus, dass das Nabelschnurblut für das Kind und für die Familie zur Verfügung steht und in deren Besitz bleibt, falls es später benötigt wird.

Dies kann dann der Fall sein, wenn ein Kind oder allenfalls eines seiner Geschwister an einer Krankheit leidet, die mit Stammzellen behandelt werden kann. Die Kosten der Einlagerung müssen allerdings von den Eltern selbst getragen werden, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie später gebraucht werden, ist derzeit gering.

Dies kann sich jedoch bald ändern, wenn in Zukunft mehr Krankheiten mit Stammzellen behandelt werden können.