Es ist immer wieder aufs Neue faszinierend, zu welchen Höhenflügen das menschliche Gehirn fähig ist.
Gibt es ein besseres Beispiel für Spitzenleistungen als der Weg von einem schweren Unfall zur bejubelten Goldmedaille an den Paralympics?

Das menschliche Hirn ermöglicht und steuert unglaubliche Willensleistungen wie den Sieg des querschnittgelähmten Skirennfahrers Christoph Kunz in Vancouver und Sotschi.

Enorme Fortschritte

In den letzten Jahren konnte gezeigt werden, wie das Gehirn nach einer Schädigung gewisse verloren gegangene Leistungen wiederzuerlangen vermag. Hierfür wurde der Begriff Plastizität geprägt: Die Fähigkeit der Nervenzellen, neue Netzwerke zu bilden.

Ein klassisches Beispiel ist die erfolgreiche Neurorehabilitation nach einem Schlaganfall oder einer unfallbedingten Hirnverletzung. Dank der Plastizität des Gehirns finden viele Menschen durch gezieltes Training wieder in die Selbständigkeit zurück.

«Es ist immer wieder aufs Neue faszinierend, zu welchen Höhenflügen das menschliche Gehirn fähig ist.»


Auch im Bereich der Forschung und Entwicklung von Therapien von Hirnerkrankungen konnten enorme Fortschritte erzielt werden. Bei vielen Patienten mit einem akuten Schlaganfall lassen sich schwerwiegende Folgen wie Behinderung oder Tod durch eine frühzeitige Wiedereröffnung des verschlossenen Gefässes verhindern.

Ausserdem stehen heute wirksamere und sicherere Blutverdünner zur Vorbeugung von Hirnschlägen bei Herzrhythmusstörungen zur Verfügung. Zahlreiche Spitäler bauten in den letzten Jahren spezialisierte Einheiten zur Behandlung und Betreuung von Schlaganfallpatienten, auf sogenannte Stroke Centers und Stroke Units, deren Nutzen wissenschaftlich einwandfrei bewiesen werden konnte.

Und nicht zuletzt wurde die vorbeugende Wirkung eines gesunden Lebensstils mit regelmässiger körperlicher Aktivität, ausgewogener Ernährung und Nikotinabstinenz zur Verhinderung von Schlaganfällen noch besser belegt.

Immense Herausforderungen

Für die Behandlung der Multiplen Sklerose stehen heute zahlreiche wirksame Medikamente zur Verfügung. Viele Epilepsie- und Parkinsonpatienten können von einem chirurgischen Eingriff profitieren.

Auch im Bereich der Behandlung der Volkskrankheit Migräne und der schlafmedizinischen Forschung wurden wichtige Fortschritte erzielt.

Die Hirnforschung gewann zahlreiche neue Erkenntnisse über die Alzheimerkrankheit und andere Demenzformen. Leider führten diese bisher noch nicht zu sehr wirksamen Therapien oder gar einer prophylaktischen Impfung.

ufgrund der demografischen Entwicklung nehmen die degenerativen Hirnerkrankungen des Alters zu: Schätzungen zufolge wird sich die Zahl der Alzheimerpatienten in den nächsten 15 Jahren nahezu verdoppeln.

Wir stehen deshalb im Bereich der Betreuung und Pflege von Demenzpatienten vor immensen Herausforderungen. Unsere Gesellschaft ist nun dringend aufgefordert, sich den Problemen im Zusammenhang mit dem Mangel an Pflegefachkräften, spezialisierten Pflegeeinrichtungen und betreuenden Hausärzten anzunehmen.

Vermehrter Dialog

Die Experten und Forscher, die sich mit dem gesunden und kranken Gehirn beschäftigen, haben in den letzten Jahren erkannt, dass die Bildung von interdisziplinären nationalen und internationalen Netzwerken aus Fachleuten unabdingbar ist, wenn sie die Geheimnisse der Netzwerke im Gehirn entschlüsseln wollen.

So wurde beispielsweise in der Schweiz die «Swiss Federation of Clinical Neurosocieties» gegründet, eine Dachorganisation der Fachgesellschaften der klinischen Neurowissenschaften.

Regelmässige multidisziplinäre Fachtagungen sollen den Austausch und Wissenstransfer unter den Forschern und Klinikern fördern. Ebenso findet ein vermehrter Dialog zwischen den Neurowissenschaften und den Geisteswissenschaften statt, der sich nicht nur auf die Ergründung des Bewusstseins beschränkt.

Das Bewusstsein schärfen

Die zunehmende Bedeutung der Hirnforschung haben in den letzten Jahren auch die Entscheidungsträger der wichtigsten Förderinstrumente erkannt. Der Schweizerische Nationalfonds hat unter anderem mehrere multidisziplinäre Spezialprogramme für Universitäre Medizin (SPUM) im Bereich der Neurowissenschaften und einen nationalen Forschungsschwerpunkt «Neuro – Plastizität und Reparatur des Nervensystems» unterstützt.

Auf internationaler Ebene wecken das von Lausanne aus geleitete europäische «Human Brain Project» und die amerikanische «Brain Initiative» gros­se Erwartungen.

Sowohl die europäische Kommission als auch die amerikanische Regierung haben erkannt, welche enorme sozioökonomische und medizinische Bedeutung den Erkrankungen des Gehirns zukommt, und entsprechend grosse Summen für die Hirnforschung bereitgestellt.

Entscheidend wird es nun sein, das Bewusstsein für die weltweit immense Bedeutung der Erkrankungen des Gehirns für die Generationen des 21. Jahrhunderts weiter zu schärfen.

Politiker, Fachleute und Forscher aus allen Disziplinen stehen vor riesigen Herausforderungen. Das Gehirn ist in der Lage, die wesentlichen Fragen zu stellen und Lösungen zu finden. Diese Fähigkeit gilt es zum Wohle der Patienten und der Gesellschaft optimal zu nutzen!