Trotzdem steht dieser Bereich bei den Pharmaunternehmen nach wie vor nicht im Mittelpunkt. Unser Experte erklärt warum und wagt einen Blick in die Zukunft.

Die Erforschung von Erkrankungen des Gehirns fristet noch immer ein Randdasein – obwohl Alzheimer, Parkinson, Schizophrenie oder Autismus Millionen von Menschen betreffen. Ricardo Dolmetsch ist Global Head of Neuroscience bei Novartis. 

Weshalb wenden sich nur wenige Pharmaunternehmen der Behandlung neurologischer Erkrankungen zu?

Tatsächlich haben sich in den letzten Jahren viele Unternehmen aus dem Markt zurückgezogen und die Entwicklung neuer Medikamente wurde stark vernachlässigt. Einer der Hauptgründe dafür ist, dass es sich für die meisten Pharmaunternehmen schlicht nicht lohnt, in die Entwicklung von neuen Medikamenten zu investieren.

Die heute gestarteten Bemühungen werden frühestens in zehn Jahren Früchte tragen und alles, was ich heute beginne, schafft es erst dann zur Zertifizierung durch die Gesundheitsbehörden. Zudem ist die Herstellung der Medikamente mit grossen Unsicherheiten verbunden.

Wenn ein Medikament in frühen  wissenschaftlichen Untersuchungen Wirkung zeigt,  heisst das noch lange nicht, dass dieses auch beim Menschen erfolgreich ist. Bis wir so weit sind und ein Medikament beim Menschen testen können, ist es ein sehr, sehr langer Prozess.

Weshalb ist es so wichtig, die Entwicklung von Therapien gegen Erkrankungen des zentralen Nervensystems voranzutreiben?

Erkrankungen des zentralen Nervensystems nehmen dramatisch zu und werden unser Gesundheitssystem vor riesige Herausforderungen stellen.

Man muss sich vorstellen, dass eines von 60 Kindern neurologische Entwicklungsstörungen wie Autismus,  eine geistige Behinderung  oder Lernschwierigkeiten hat. Es gibt keine passenden Therapien hierfür. Diese Krankheiten haben enorme Folgen für das ganze Leben der Familien.

Auch der Entwicklung von Medikamenten gegen psychische Erkrankungen müssen wir besondere Aufmerksamkeit schenken. Heute erkranken rund 25 Prozent der Menschen im Laufe ihres Lebens an einer Depression, 1 Prozent an Schizophrenie.

Es gibt zwar Therapien, diese sind aber oftmals nicht spezifisch genug und ziehen schwere Nebenwirkungen oder Folgeerkrankungen nach sich. Patienten, die in jungen Jahren etwa Medikamente gegen eine Schizophrenie einnehmen, haben dann zwar keine Halluzinationen mehr, können aber in der Folge eine Depression entwickeln.

Und nicht zuletzt wird die Alzheimerkrankheit in den nächsten Jahren eine existenzielle Bedrohung für unser Gesundheitssystem. Man muss sich dazu vor Augen führen, dass es bereits heute 40 Millionen Menschen weltweit mit Alzheimer gibt, in 20 Jahren diese Zahl jedoch auf 150 Millionen ansteigen wird. Es ist also höchste Zeit, dass wir handeln.

Welche Erwartungen haben Sie in Bezug auf die Entwicklung von Medikamenten gegen Autismus, Alzheimer und Parkinson?

Autismus ist eine komplexe Entwicklungsstörung mit vielen verschiedenen Symptomen. Dabei gibt es verschiedene Formen und Ausprägungen. Häufig müssen die Betroffenen jedoch intensiv betreut und in gesonderten Einrichtungen „versorgt“ werden.  

Da sich Autismus fortlaufend verändert, möchten wir ein Medikament entwickeln, das auf die verschiedenen Stadien der Krankheit einwirken kann.  Zuversichtlich stimmt mich, dass die Wissenschaft dank neuartiger Techniken im Bereich Gensequenzierung mittlerweile eine Reihe problematischer Mutationen im Erbgut kennt, die mit spezifischen Gehirnerkrankungen in Verbindung gebracht werden.

Vor diesem Hintergrund halte ich die Chancen für gut, dass sich auch auf Autismus-Patienten zugeschnittene neue Medikamente entwickeln lassen.

Auch Alzheimer wird in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen. Wir sind an der Entwicklung von zwei Medikamenten, die den Abbau von Nervenzellen verhindern. Damit könnte man den Ausbruch von Alzheimer stoppen.

Allerdings müssen diese Wirkstoffe bereits vor Ausbruch der Erkrankung verabreicht werden. Auch bei Parkinson gibt es nur Medikamente zur Symptomlinderung. Da wir heute die Parkinson-Gene kennen, liegt unsere Hoffnung darin, ein Medikament zu entwickeln, das den Ausbruch stoppen kann.

Ihr Sohn leidet an Autismus. Welchen Einfluss hat seine Erkrankung auf Ihre Arbeit?

Grundsätzlich mache ich meine Arbeit für die Gesellschaft und für alle betroffenen Familien. Den Anstoss, mich dem Thema Autismus zu widmen, hat jedoch die Diagnose meines Sohnes gegeben.

Ich weiss, wie es ist, wenn man diese Krankheit in der eigenen Familie hat, und welche Probleme und Einschränkungen die Erkrankung mit sich bringt. Meinem Sohn und anderen betroffenen Familien zu helfen, ist für mich konstante Motivation.

Welche persönlichen Wünsche haben Sie für die Zukunft?

Ich würde nicht an diesen Themen arbeiten, wenn ich nicht daran glauben würde, dass wir erfolgreiche Wirkstoffe entwickeln werden und damit Millionen von Menschen helfen können. Das gibt mir Kraft.

Denn natürlich bin ich mir bewusst, dass viele Versuche scheitern werden und wir immer wieder Rückschläge hinnehmen müssen.  Doch wir werden niemals aufgeben und weitermachen, bis wir die passenden Medikamente gefunden haben.