Jürg Barandun, Sie sind Facharzt für Lungenkrankheiten und Innere Medizin. Lange galt COPD als vierthäufigste Todesursache. Per 2020 rückt sie nun an die dritte Stelle vor. Welche Umstände haben die Zunahme verursacht?

Es ist leider so, dass Ex-Raucher mit der Tatsache konfrontiert werden, dass sie in Zukunft noch kränker werden. Zur COPD-Erkrankung gehört, dass sie weiter fortschreiten kann, auch wenn man mit Rauchen aufgehört hat.

Der Schweregrad ist nicht, wie vielfach angenommen, von der Anzahl Zigaretten abhängig. Vor allem Frauen entwickeln noch COPD, wenn sie schon nicht mehr rauchen.

Nimmt denn die Anzahl der Raucher noch immer zu?

Der weltweite Konsum hat sich verlagert. In den USA und den Industrieländern hat ihre Zahl abgenommen.

Katastrophal sind die Zahlen auf dem afrikanischen und asiatischen Kontinent, ebenso in den Balkan-Ländern.

Dort ist die «Message» noch nicht angekommen. Leider zeigen besonders die Frauen eine steigende Tendenz – auch in der Schweiz.

Hierzulande wird niemand sagen können, dass er oder sie die Message von der Schädlichkeit des Rauchens nicht bekommen hat.

Das Problem vieler junger Frauen in der Schweiz: Die Zigarette ist eine gefährliche Diät-Alternative. Ich sehe 15-Jährige zur «Gewichtskontrolle» Zigaretten rauchen.

Der Gruppendruck ist hoch, und der Schlankheitswahn hat diese jungen Frauen voll im Griff. In der Summe rauchen 25 Prozent in der Schweiz weiter, auch wenn sie von ihrer Erkrankung wissen.

Manche Patienten sagen mir, sie rauchen wegen der Gewichtszunahme lieber weiter.

Das würde ja bedeuten, dass Tabakpreiserhöhung und Aufklärung ihre Ziele verfehlt haben, nämlich den Anteil der rauchenden Bevölkerung zu senken?

Verfehlt nicht, aber sie waren nicht so erfolgreich wie erhofft. Sicherlich zur Senkung der Raucherzahlen hat das Rauchverbot in Restaurants beigetragen.

Die Fumoirs, die danach entstanden sind, halten sich in Grenzen. Natürlich wird es immer Menschen geben, die sich nicht um ihre Gesundheit scheren.

Schätzungen zufolge sind weltweit 600 Millionen Menschen von COPD betroffen. Wie viele in der Schweiz?

Mindestens 500000. COPD macht sich leider erst spät durch Symptome bemerkbar. Raucher oder Ex-Raucher stellen fest, Treppenlaufen bereitet Mühe, Sportleistungen nehmen ab. Sie erklären es sich mit dem Alter.

Dabei handelt es sich um die langsam zunehmende Atemnot, verbunden mit Husten und Auswurf. Die Krankheit verläuft schleichend.

Wie könnte die Früherkennung verbessert werden?

Wir Pneumologen bitten die Hausärzte immer wieder: Klärt eure Patienten über die reduzierte Lungenfunktion auf und unterzieht vor allem die über 45-Jährigen einer Spirometrie zur Messung des Atemvolumens.

Man weiss ja heute, dass COPD weitere Herz-Kreislauf-Krankheiten auslöst, auch Risikofaktor für Osteoporose ist und neben der Lunge weitere Organe betreffen kann.

Umgangssprachlich nennt man COPD die «Raucherlunge». Wäre nebst dem Rauchen nicht auch die Umweltverschmutzung als Grund zu nennen?

Umweltverschmutzung ist als Ursache eher vernachlässigbar. In Metropolen mit hoher Schadstoffbelastung mag Smog eine Auswirkung haben. Ich selbst kenne niemanden, der nur aufgrund von Luftverschmutzung COPD entwickelt hätte.

Selbst jemand, der an einer dicht befahrenen Strasse den Verkehr regelt, trägt nur ein Risiko von 1 zu 1000 des Faktors von jemandem, der ein Päckchen Zigaretten am Tag raucht.

Trotz einer früheren Erkennung: COPD ist nicht heilbar?

Leider nicht. Wer aber mit Rauchen aufhört, aufhört verzögert wenigstes das Fortschreiten des Lungen Emphysems.. Die Lungenbläschen wachsen nicht nach. Aber die Beschädigung wird angehalten.

Die Behandlung beginnt mit der Empfehlung, das Rauchen einzustellen. Der Entzug basiert auf vier Säulen: Coaching, Medikamente, Bewegung, Ernährung.

Dann steht die Inhalationsbehandlung im Vordergrund. Diese Mittel öffnen die Bronchien und schwächen die Entzündung.

Wenn man trotz allem das Rauchen nicht aufgeben will, wie kann man sich besser schützen?

Wir sprechen da von der «harm reduction», der Schadensbegrenzung: Eine maximale Zahl von Zigaretten als «Dosis» festlegen. 

INFO

Täglich sterben in der Schweiz fast zehn Menschen an Lungenkrebs; etliche hunderttausend haben ein erhöhtes Risiko, daran zu erkranken.

Die Sterblichkeit – etwa 85 Prozent der Patienten mit Lungenkrebsdiagnose sterben an der Krankheit – ist so hoch, weil die Diagnose meist zu spät gestellt wird.

Liessen sich Lungenkrebs-Risikogruppen, vor allem Raucher und ehemalige Raucher, untersuchen, bevor sie Symptome haben, könnte man die Erkrankung in einem so frühen Stadium entdecken, dass sie heilbar sein kann: Fast 90 Prozent der Patienten, deren Lungenkrebs im Frühstadium erkannt und behandelt wurde, sind nach zehn Jahren noch immer ohne Hinweis auf Lungenkrebs gewesen.* Das ist ein Durchbruch bei der Bekämpfung von Lungenkrebs!

Das Nationale Programm zur Früherkennung von Lungenkrebs wird von der unabhängigen, gemeinnützigen Stiftung für Lungendiagnostik betrieben. Es wendet die zurzeit einzige wissenschaftlich anerkannte Methode an, Lungenkrebs so frühzeitig zu entdecken, dass er geheilt werden kann – niedrig dosierte Computertomografie sowie Beurteilung und Verlaufskontrolle nach einem bestimmten Algorithmus.

26 Jahre Forschung im Internationalen Programm zur Früherkennung von Lungenkrebs (I-ELCAP), dem weltweit grössten Programm zur Lungenkrebsfrüherkennung, zeigen, dass die Früherkennung von Lungenkrebs Leben retten kann.

Lungenkrebs-Risikotest auf  www.lungendiagnose.ch

[* New England Journal of Medicine 2006; 355:1763–1771]