Prof. Kappos, welche Verlaufsformen unterscheidet man bei Multiple Sklerose?

Bei rund 85 Prozent der Betroffenen verläuft MS in Schüben. Hier spricht man von schubförmiger oder schubförmig remittierender MS.

Die Symptome zeigen sich plötzlich aus völliger Gesundheit heraus und bilden sich in der Regel nach ein paar Tagen oder Wochen wieder vollständig zurück. Die Betroffenen leben häufig viele Jahre ohne und mit nur geringen Beschwerden.

Die sekundär progrediente MS beginnt ebenfalls schubförmig, geht dann aber in eine Phase der kontinuierlichen Verschlechterung über.

Bei der dritten Form, der primär progredienten MS  kommt es von Beginn an zu einer kontinuierlichen Verschlechterung, ohne dass Schübe im eigentlichen Sinn auftreten.

Heute weiss man, dass eine frühzeitige Behandlung den Krankheitsverlauf deutlich verbessern kann. Wann sollte idealerweise mit der vorbeugenden Langzeittherapie begonnen werden?

Je früher man mit der Behandlung beginnt, desto besser sind die Prognosen. MS-Patienten sollten deshalb sofort nach der Diagnose mit sogenannten verlaufsmodifizierenden Medikamenten behandelt werden.

Ziel ist es, die Krankheitsaktivität zu verhindern. Auch wenn sich die Symptome nach einem MS-Schub  wieder vollständig zurückbilden, birgt jeder weitere Schub das Risiko, bleibende Schäden und damit eine dauerhafte Behinderung zu verursachen.

Die Therapie des akuten Schubes besteht in der Gabe von hochdosiertem Kortison.

Sie haben eben die besseren Prognosen bei einem frühzeitigen Therapiebeginn angesprochen. Können Sie uns dies näher erklären?

Grundsätzlich ist es bei MS sehr schwierig, irgendeine Prognose abzugeben. Die Krankheit verläuft so unterschiedlich und es ist schwer vorauszusagen, wie sie sich entwickeln wird.

Es zeigt sich allerdings klar, dass durch einen frühen Therapiebeginn die Zahl der Betroffenen, die später eine Behinderung entwickeln werden, deutlich gesenkt werden kann.

Wenn man die Therapie frühzeitig beginnt und intensiv befolgt, haben die Betroffenen die Chance, dass sie einen grossen Teil ihres Lebens ohne wesentliche Beeinträchtigung verbringen können.

Multiple Sklerose ist zwar eine chronische Erkrankung, mit der sich inzwischen aber gut leben lässt. Übrigens wird die Lebensdauer durch MS  nicht wesentlich beeinflusst.

Welche Fortschritte hat es in den vergangenen Jahren in der MS-Forschung gegeben?

In den letzten Jahren hat sich das Verständnis für das Krankheitsbild MS deutlich gewandelt. Gleichzeitig haben sich die therapeutischen Möglichkeiten der Multiplen Sklerose stark verbessert.

Die wissenschaftlichen Erfolge haben MS zu einer beherrschbaren Krankheit gemacht, auch wenn sie weiterhin unheilbar ist.

Aktuell wird weiterhin daran geforscht, welche Ursache zur Fehlregulierung des Immunsystems führt. Je genauer wir das wissen, desto gezielter können wir in Zukunft direkt in dieses Geschehen eingreifen.

Wir gehen heute davon aus, dass gewisse Infekte MS auslösen. Wenn wir genau wissen, welche das sind, könnten wir auch hier viel direkter behandeln.

Welchen Beitrag kann der Patient leisten, um den Verlauf seiner Erkrankung positiv zu beeinflussen?

Der wichtigste Schritt ist, dass man sich mit entsprechenden Symptomen neurologisch untersuchen lässt. Viele Betroffene warten damit viel zu lange, da es ihnen nach einem Schub meist wieder gut geht.

Wie eingangs erwähnt, ist es ganz wichtig, dass schon zu diesem Zeitpunkt mit der Therapie begonnen und diese auch konsequent eingehalten wird.

Einen positiven Einfluss hat sicherlich auch die eigene Einstellung gegenüber MS. Es hilft, wenn man der Erkrankung positiv gegenübersteht und lernt, die Krankheit zu akzeptieren.

Ich empfehle den Betroffenen, so aktiv wie möglich zu bleiben, ohne sich dauerhaft zu überfordern. Zudem sollte man sich auf die eigenen Fähigkeiten und Stärken konzentrieren und nicht darauf, was eines Tages vielleicht nicht mehr möglich sein wird.

Es hilft auch, sich gut zu informieren und sich Wissen über die Krankheit und aktuelle therapeutische Optionen anzueignen. Aus der Erfahrung mit vielen Betroffenen kann ich sagen: Ein selbstbestimmtes, aktives Leben mit MS ist möglich!