Neurologie und Psychiatrie

Die Neurologie und Psychiatrie als eigenständige Fachrichtungen existieren noch gar nicht so lange. Eine Trennung trat erst im vergangenen Jahrhundert ein. Zuvor wurde nicht unterschieden zwischen geistigen und nervösen Störungen, zwischen Körper und Geist, Soma und Psyche.

Einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Neurologie des 19. Jahrhunderts leistete der französische Arzt Jean-Martin Charcot. 1882 etablierte er die erste eigenständige neurologische Abteilung in Europa.

Das war zu einer Zeit, als Ärzte begannen, die physisch-anatomischen Ursachen von Krankheiten des Gehirns und der Nerven zu erkunden.

Dabei beschrieb Charcot als Erster die fortschreitende, irreversible Degeneration von Nervenzellen, welche die Muskelbewegungen steuern, die «Charcot-Krankheit», die seit 1969 auch Amyotrophe Lateralsklerose heisst.

Der Durchbruch

Gleichzeitig schaffte er einen grossen Durchbruch  bei der Erforschung  der Multiplen Sklerose: Der Neurologe untersuchte den Zusammenhang zwischen den bei Obduktionen gefundenen pathologischen Befunden und den damals völlig rätselhaften Symptomen der neuen Krankheit und grenzte die MS vom Morbus Parkinson ab. 

Öffentliche Bekanntheit erlangte Charcot aber vor allem durch seine Hysteriestudien, die er an hypnotisierten Patienten demonstrierte.  Charcots Erkenntnisse hatten einen grossen Einfluss auf die Entwicklung der Psychiatrie und auf die Psychoanalyse seines Schülers Sigmund Freud.

So gelangte Freud über die Hypnose zur Theorie des Unbewussten und entdeckte damit eine neue Ursache für psychische Erkrankungen.

Freud sagte über seinen  Kollegen Jean-Martin Charcot: «Es ist wunderbar, dass es Menschen gibt, die in der Medizin neue Krankheitszustände erkennen, die vermutlich so alt sind wie das Menschengeschlecht.»

Charcot erkannte aber auch, dass es für viele psychiatrische Erkrankungen ein grösseres «Mikroskop» braucht, um die Zusammenhänge besser verstehen zu können.

Dieses Mikroskop wurde 1970 von Paul C. Lauterbur als Magnetresonanztomograf MRT auf den Markt gebracht. Für Charcots Forschungen war das zwar zu spät, aus unserer Arbeit ist es heute aber nicht mehr wegzudenken.  Im Jahre 1970 entstanden die ersten Bilder vom Gehirn.

Heute ist es uns möglich, dank dem MRT die Vorgänge im Gehirn genauer zu untersuchen und zu verstehen.

Damit erhoffen wir uns auch, dass wir in Zukunft Krankheiten wie Alzheimer, Autismus oder Schizophrenie noch besser erforschen können.

Schizophrenie

Besonders bei der Schizophrenie bedarf es noch einiges an Forschungsarbeit. So wissen wir zwar, dass Störungen des Denkens und der Sprache Kernsymptome der Schizophrenie sind.

Weshalb es allerdings genau zu diesen Störungen kommt, ist noch nicht restlos geklärt.  Erst wenn wir die Vorgänge genauer kennen, können gezielte Medikamente entwickelt werden.

Bei Patienten mit sogenannten Tics, die als psychisch krank angesehen wurden, konnte die Neurowissenschaft belegen, dass eine Hirnfunktionsstörung vorliegt.

Die Gehirnchirurgie ist heute in der Lage, gewisse Bereiche des Gehirns mittels Implantation von Elektroden zu stimulieren und damit eine Verbesserung dieser Tics zu erzielen.

Neue medizinische Disziplin

Die Zusammenführung von Neurologie und Psychiatrie hat zu einer neuen medizinischen Disziplin geführt: der Neuropsychiatrie.

Die Neuropsychiatrie befasst sich sowohl mit psychischen Symptomen bei neurologischen Erkrankungen als auch mit neurologischen Aspekten psychiatrischer Krankheiten.

Sie vereinigt Neurologie, Verhaltensneurologie, Neuropsychologie und Psychiatrie und stellt damit einen neurobiologisch orientierten und fächerübergreifenden Ansatz dar. Die multidisziplinäre Zusammenarbeit ist notwendig, damit komplexe Krankheitsbilder besser behandelt werden können.

Die Neurologie, Psychiatrie und die Neuropsychiatrie werden sich auch in Zukunft stark weiterentwickeln. Viele Krankheitsbilder müssen noch erforscht werden, und das ist nur möglich, wenn die einzelnen Fachrichtungen Hand in Hand gehen.